Aus TGA 6: Kommentar

Die digitale Transformation muss nachhaltig sein

Was hat der Abschied von fossilen Brennstoffen mit der digitalen Transformation der Immobilienbranche zu tun? Alfred Waschl, Vorstandsvorsitzender der Building SMART Austria, erklärt den Zusammenhang.

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Den Abschied von fossilen Brennstoffen und die digitale Transformation verbindet mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Die Welt bietet viele Herausforderungen, wie zum Beispiel den Verlust der biologischen Vielfalt oder den Klimawandel. Ähnlich verhält es sich in den verschiedensten Wirtschaftskreisen, wo zum Beispiel industrielle Prozesse neu gedacht werden müssen. Und hier führen die vorher angesprochenen Themen schon zusammen: Der weltweite Abschied von fossilen Brennstoffen erfordert die Umstellung der Energieproduktion, was wiederum nur mit der digitalen Transformation (generell) und der Digitalisierung von verbauten Werten funktionieren wird.

Das geht noch konkreter

Die politisch verantwortlichen Führungskräfte aller Länder werden deshalb zeitnah gefordert sein, datengetriebene, mittel- und langfristige Zielvorstellungen für die Wirtschaft bereitzustellen. Sublines wie „... klimaneutral bis 2035“ oder „CO2-Reduktion in Städten ...“ sind für die Gesamtwirtschaft zu wenig konkret. Speziell die Immobilienbranche braucht klare, auf erreichbaren Zielen beruhende Festlegungen, damit sie die verschiedenen digitalen Tools, neuen Technologien bzw. Innovationen auch zielgerichtet einsetzen kann/will. In Zukunft werden wahrscheinlich 80 % aller Baubudgets in den Umbau von Bestandsgebäuden fließen. Deshalb ist der Gesetzgeber gefordert, die vielen anstehenden Arbeitstitel auch datenseitig zu unterlegen - zum Beispiel:

  • „Kreislaufwirtschaft“ – hier ist die Ressourceneffizienz und die Zirkularitätsrate in relativen (Prozentsatz) und absoluten (Tonnen) Zahlen zu benennen
  • „Senkung der Emissionen“ pro Gebäude oder pro Quartier oder pro Gemeinde
  • Nachhaltigkeit“ – wer hat exakte Materialdaten zu liefern (Data Templates nach ISO)

Ziele abstecken

Aufbauend auf belastbaren Zieldaten können Unternehmen der Immobilienbranche strenge Nachhaltigkeitskriterien erfüllen und während des gesamten Immobilienlebenszyklus die Emissionen reduzieren. Die Immobilienbranche selbst hat in den letzten Jahren und wird in den nächsten Jahren eine markante Änderung ihrer Arbeitsprozesse zu organisieren haben. Dies findet unter dem Arbeitstitel „digitale Transformation“ statt und betrifft breitflächig alle Akteure wie Vermesser, Architekten, Baumeister, TGA-Planer ... Makler, Asset Manager, Rechtsberater, Notare ... örtliche Behörden. Dabei ist die Methodik BIM (Building Information Modeling) eine zentrale Größe.

White Paper zum Thema

Wichtigstes Tool des 21. Jahrhunderts

Diese Methodik wurde vom World Economic Forum in Davos als wichtigstes Tool des 21. Jahrhunderts der Immobilienbranche benannt. In den DACH-Ländern werden aktuell rund 35 % aller Bauprojekte (das ist weit weniger als in Skandinavien oder Holland) entsprechend dieser Methodik abgewickelt. Verbunden damit ist die Generierung von Daten, die eine belastbare Darstellung der Ergebniserreichung verschiedener Prozesse ermöglicht. Solche Prozesse können budgetäre, zeitliche, technische oder Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit betreffen. Man könnte es auch einfach ausdrücken: Ohne ein professionelles BIM-Model und die damit verbundenen Datendurchgängigkeit über den Lebenszyklus wird es keine belastbaren Aussagen zur Erreichung der Nachhaltigkeitskriterien geben.

Klimaschutz für kommende Generationen

Das deutsche Verfassungsgericht hat das deutsche Klimaschutzgesetz teilweise für verfassungswidrig erklärt. Freiheit ist laut dem Höchstgericht nicht nur die Freiheit im Augenblick, sondern auch intertemporär. Verhalten der Gegenwart, das Freiheiten in der Zukunft einschränkt, muss heute bereits korrigiert werden. Das Bundesverfassungsgericht verlangt, dass Klimaschutz heute bereits zu deutlichen Verhaltensänderungen führen muss, damit die zukünftigen Generationen im Kampf gegen den Klimawandel ihre Freiheiten noch genießen können. Damit ist auch klar, dass sich Unternehmen, Arbeitgeber und Investoren fragen müssen, wie sie ihre Bemühungen um einen geringeren Ressourcenverbrauch zum Schutz des Klimas noch einmal steigern können.

Der aktuell gültige Renditebegriff wird also erweitert und erhält eine völlig neue Bedeutung, weil er ja auch zur Sicherung der Umwelt und der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen dient. Diese Art von Rendite kommt nicht einem Einzelnen zugute, sondern uns allen. Eine solche Investitionsstrategie beinhaltet das Prinzip der „geteilten Rendite“, also einer direkt ökonomischen für den Investor und einer indirekt ökologisch-sozialen Rendite für uns alle. Solche Investitionen sollten durch die Politik anerkannt werden (durch Freibeträge, reduzierten Steuersatz etc.). Auch die Verurteilung der Firma Shell zu mehr Klimaschutz geht in diese Richtung. Diese Entscheidung ist die erste weltweit, in der ein Gericht ein Unternehmen dazu verpflichtet, CO2-Emissionen deutlich zu senken und sich damit von CO2-intensiven Energieformen zu trennen und Investitionen in erneuerbare Energien zu erhöhen.

Fazit

Das Fazit für die Immobilienbranche lautet: Die Technologie alleine wird die Klimakrise nicht für uns lösen. Es gilt, im Rahmen richtiger politischer Rahmenbedingungen disruptive, datenbasierte Prozessänderungen in den Unternehmen vorzunehmen, die nach innen hin neue Mitarbeiter motivieren, mitzumachen, und nach außen hin der Branche die Glaubwürdigkeit verschaffen, dass sie Teil einer nachhaltigen, faktenbasierten Lösung ist.