Brandschutz

Kann die Dämmung einen Gebäudebrand beschleunigen?

Vergangenes Jahr hat der Grenfell Tower in London Feuer gefangen. Es entstand ein Großbrand, der erst nach 24 Stunden unter Kontrolle gebracht werden konnte. Schuld an den dramatischen Szenen soll die Dämmung des Gebäudes sein. Warum das nicht stimmen kann und was die echten Brandbeschleuniger sind.

Häufig steht die Dämmung in Verdacht einen Brand zu beschleunigen. Warum dem aber nicht so sein kann.

Vor gut einem Jahr, am 14. Juni 2017, brach im Londoner Grenfell Tower ein Feuer aus. 200 Feuerwehrkräfte waren mit rund 40 Einsatzfahrzeugen vor Ort. 100 Sanitäter waren im Einsatz. Und dennoch forderte das Feuer 72 Todesopfer und 70 Verletzte. Der Brand konnte erst nach über 24 Stunden unter Kontrolle gebracht werden. Auslöser des Brandes war eine Kühl-Gefrierkombination des italienischen Herstellers von Haushaltsgeräten Indesit. Ausschlaggebend für die schnelle Verbreitung des Feuers soll jedoch die Fassade des Gebäudes sowie die Dämmung gewesen sein. Die vorgehängte hinterlüftete Fassade aus Aluminium-Verbundplatten soll einen Kamineffekt erzeugt und damit den Brand der aluminiumkaschierten Dämmplatten beschleunigt haben. 

Dämmung ist nicht Schuld

Nun veröffentlichte die Untersuchungskommission zum Brand im Londoner Grenfell Tower einen Bericht zur Brandverbreitung, der besagt, dass die Dämmung nicht entscheidend für die rasche Verbreitung des Feuers war. Laut der Deutschen Feuerwehrzeitung kommt der Bericht zu dem Ergebnis, dass die Wetterschutz-Verkleidung der Brandbeschleuniger war. 

„Bewohner und Baufachleute sollten die Feuergefahr durch Dämmung realistisch einschätzen“, rät Frank Hettler von Zukunft Altbau. „Gebäudedämmungen bestehen in der Regel aus nicht brennbaren oder nur schwer entflammbaren Materialien." Die wesentlich größere Gefahr für Leib und Leben der Bewohner besteht beim Brand der Inneneinrichtung. Dämmstoffe auf der Außenseite von Gebäuden sind im Brandfall höchst selten das Problem: Sie fangen nur in fünf bis zehn Fällen pro Jahr Feuer.

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Küche als häufigste Brandursache

In Deutschland brechen jeden Tag durchschnittlich über 500 Wohnungsbrände aus, in Österreich sind es durchschnittlich rund 20 Brände. Die meisten Brände haben wie im Londoner Fall ihren Ursprung in den Innenräumen von Wohngebäuden. Brandherd Nummer eins ist die Küche. Hier entstehen aufgrund der Vielzahl elektrischer Geräte die meisten Wohnungsbrände. Neben technischen Defekten und Fahrlässigkeit spielt auch Brandstiftung eine Rolle bei der Entstehung von Feuer. Auch Fahrlässigkeit beim Rauchen oder dem Abbrennen von Kerzen sind häufige Brandursachen. Fassadendämmungen zählen nicht zu den Brandverursachern.

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Keine brennbaren Materialien

In vielen Fällen werden mineralische Stoffe wie Glas- oder Steinwolle als Dämmmaterialien eingesetzt, die überhaupt nicht brennen können. Neben Naturdämmstoffen mit entsprechenden Zusätzen eignen sich als Dämmstoffe auch organische Stoffe wie Kunststoffschäume. Aus Kostengründen kommen dabei vor allem Dämmplatten aus Polystyrol zum Einsatz, auch EPS-Dämmplatten genannt. Sie sind in den letzten Jahren wiederholt mit Brandereignissen in Verbindung gebracht worden und damit vermehrt in Kritik geraten. Das Material Polystyrol ist grundsätzlich brennbar. Bei der Produktion der Dämmplatten fügen die Hersteller jedoch Flammschutzmittel hinzu, die die Platten schwer entflammbar machen. „In Deutschland zugelassene Wärmedämm-Verbundsysteme aus Polystyrol werden seit Langem bei einer Fassadenbrandprüfung gründlich auf ihr Brandverhalten untersucht und sind hinreichend sicher“, sagt Markus Weißert vom Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade Baden-Württemberg. „Zahlreiche Einrichtungsbestandteile in Privathaushalten brennen oft sehr viel leichter als die Gebäudedämmung.“ Vor allem Textilien, Möbel sowie PVC-Böden fallen den Flammen schnell zum Opfer – sie brennen zudem innen und nicht außen an der Fassade und verursachen im Ernstfall für die Bewohner giftige Rauchgase.

Doch auch Polystyrol kann nach einiger Zeit bei hoher Temperatur brennen und abtropfen. Um das Brandrisiko bei Wärmedämm-Verbundsystemen aus EPS zu minimieren, ist bei Mehrfamilienhäusern Brandschutz Pflicht. Er verhindert die Weiterleitung des Brandes über die Dämmung auf andere Geschosse. Hauseigentümer können zwischen einem Sturzschutz oder einem Brandschutzriegel wählen: Beim Sturzschutz wird nicht brennbares Dämmmaterial, häufig Stein- oder Mineralwolle, über und neben den Fenstern außen angebracht. Bei der Alternative Brandriegel kommt in jedem zweiten Stock über die Fenster ein um das Gebäude laufender Riegel aus nicht brennbaren Dämmmaterialien.