Umstrukturierung

Warum für Siemens die Gebäudetechnik plötzlich so wichtig ist und was das Matterhorn damit zu tun hat

Siemens-Chef Joe Kaeser baut mit seiner Vision 2020+ den Mischkonzern um und wertet die Gebäudetechnik-Sparte damit kräftig auf. Schifahrer werden sich davon selbst am Matterhorn überzeugen können.

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Joe Kaeser, hier mit US-Präsidententochter Ivanka Trump: Feilen an einer neuen Konzernstrategie.

Es wird ein bisschen frisch. Fünf Grad Celsius soll es dort haben, wo sich am kommenden Samstag örtliche Honoratioren, VIPs und Politiker wie die Schweizer Verkehrs - und Umweltministerin Doris Leuthard versammeln werden, um ein außergewöhnliches Bauwerk zu eröffnen: die höchste Dreiseilumlaufbahn Europas. 52 Millionen Schweizer Franken hat das Mega-Bauwerk gekostet. Wenn alles klappt, wird die Gornergrat-Seilbahn dann ab Ende Oktober bis zu 2.000 Skifahrer pro Stunde zwischen Mittelstation Trockener Steg und dem Gipfel auf rund 3.800 Meter Seehöhe hochschaukeln. Betrieben und gesteuert wird die Bahn dabei vollständig in der Cloud.

Ob Siemens-Chef Joe Kaeser unter den Ehrengästen sein wird, ist derzeit noch nicht klar, aber das Projekt hätte seine Anwesenheit durchaus verdient. Schließlich hat Siemens im Gipfel auch eine gasisolierte Mittelspannungsanlage installiert - ein schöner Anlass für den Konzern, in Superlativen zu formulieren: "die höchste Schaltanlage" Europas sei das, heißt es aus München. Die Anlage vom Typ 8DJH liefert Energie für Seilbahn und Bergstation. Unweit der Seilbahn, auf der Monte-Rosa-Hütte des Schweizer Alpen-Clubs hat Siemens wesentlich dazu beigetragen, die Gebäudetechnik einzurichten. Die Hütte ist bis zu 90 Prozent energieautark, wenn dereinst auch eine Biogasanlage installiert werden wird, sollen es glatte 100 Prozent sein. Insgesamt 150 Datenpunkte steuern und regeln die uhrwerkpräzise Energieversorgung. 

Projekte wie jenes am Matterhorn sind nicht nur gut für PR-Folklore, sondern dokumentieren die eher überraschende Bedeutung der Gebäudetechnik in der Konzernarchitektur von Siemens. Vor wenigen Jahren noch wussten die Münchener noch nicht so recht, was sie denn mit dieser Sparte anfangen sollten, gar von einem Verkauf war die Rede. Doch in der so genannten "Vision2020+" von Konzernchef Kaeser wurde die Gebäudetechnik plötzlich aufgewertet. Neben der Kraftwerkssparte und den digitalen Industrien ist sie die dritte Säule, auf der künftig der Erfolg von Siemens ruhen soll - freilich unter dem chicen Namen "Smart Infrastructure" und vermengt mit dem Sektor Energiemanagement. Insgesamt macht dieser Bereich nun mit seinen rund 71.000 Mitarbeitern 14 Milliarden Euro Umsatz. Dass Gebäudetechnik und Energiemanagement in eine Einheit zusammengefasst wurden, hat Sinn: Gebäude sind nicht mehr bloß Energiekonsumenten, sondern werden zu Energieproduzenten, ihr Energiehaushalt wird komplexer - und für Bauherren und auch die Politik bedeutender: In der EU entfallen rund 40 Prozent des Energieverbrauchs auf Gebäude, der Großteil davon, 85 Prozent nämlich gehen für Warmwasseraufbereitung und Heizwärme drauf. Spätestens bei der Weltklimakonferenz in Katowice im Dezember werden sich die Staatenlenker wieder intensiv diesem Thema widmen. 

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Joe Kaeser möchte für Siemens in diesem Agenda Setting einen Platz erobern, die Gebäudetechnik und Gebäudeautomatisierung zu einem der wichtigsten Wachstumsträger des Konzerns weiterentwickeln. Zumindest Branchenanalysten schätzen die Chancen gut ein. Das Beratungsunternehmen Frost & Sullivan geht derzeit weltweit von einem zweistelligen jährlichen Wachstum in der Haus - und Gebäudetechnik aus. 

Zum Ausbau der Sparte Smart Infrastructure gehören auch Akquisitionen. Ende Mai hatte der deutsche Konzern Enlighted Inc. übernommen. Das Unternehmen aus dem Silicon Valley hat eine IoT-Plattform für gewerbliche Immobilien entwickelt. Diese Plattform besteht aus multifunktionalen Sensoren, Distributed Computing, einem dedizierten Netzwerk sowie Softwareanwendungen. Das Kernstück der Plattform von Enlighted sind intelligente Sensoren, die Daten sicher in die Cloud übertragen. Außerdem ermöglicht die Plattform einen geringeren Energieverbrauch sowie Verbesserungen bei Raumnutzung, Umweltmanagement und Nutzung von Assets.

Seine Umstrukturierung und die Gründe, warum er sich entschlossen hat, Siemens in drei weitgehend eigenständige Sparten mit weniger zentraler Kontrolle aus München aufzugliedern, hat Kaeser übrigens kürzlich auf LinkedIn erklärt. An einem regnerischen Tag, so schrieb der Siemens-Boss, sei er auf ein altes Physik-Buch gestoßen, in dem die wesentlichen physikalischen Gesetze von Galileo Galilei, Sir Isaac Newton oder Albert Einstein erklärt worden wären. Und eines dieser Gesetze sei eben, dass man kinetische Energie aufbauen oder Masse reduzieren müsse, um schneller zu werden. Traditionelle Unternehmen wie eben Siemens aber würden das "Aufrechterhalten von Traditionen und die Optimierung von Prozessen als Benchmark für Erfolg betrachten". In der so genannten vierten industriellen Revolution aber seien durchaus andere Tugenden nötig. "Effizienz", so Kaeser, sei die "Fähigkeit, ein gewünschtes Ergebnis ohne Verschwendung von Energie zu erreichen. Deshalb ist die Reduzierung von Masse das Mittel der Wahl". Mit der Gliederung von Siemens in drei weitgehend eigenständige Bereiche bei gleichzeitigem Rückbau der Zentrale dürfte Kaeser genau diese Wahl getroffen haben.

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