Energiewende

Wie viel Grüngas-Potenzial hat Österreich?

Dass Grünes Gas eine wichtige Rolle bei der angestrebten Klimaneutralität Österreichs haben wird, ist klar. Bei den Fragen nach Einsatzbereichen und verfügbaren Ressourcen scheiden sich die Geister jedoch.

Die Uhr bis zur geplanten österreichischen Klimaneutralität 2040 tickt, was wiederum die Diskussion über erneuerbare Energieträger anheizt. In diesem Fall ist die Rede von Grünem Gas. Während Klimaschutzministerin Leonore Gewessler dessen Einsatzgebiet eher im Industrie- und Schwerverkehrbereich sieht, plädiert die Österreichische Vereinigung für das Gas- und Wasserfach (ÖVGW) für eine großflächige Nutzung des Rohstoffs.

Bedarf vs. Verfügbarkeit

Österreich wird langfristig maximal ein Viertel des eigenen Bedarfs an Grünem Gas decken können, so Gewessler in einer aktuellen Pressekonferenz. Der begrenzte Rohstoff solle also dort eingesetzt werden, wo es bisher keine Alternativen gäbe - nämlich in der Industrie und Teilen des Schwerverkehrs. Laut einer neuen Studie des Bundesministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) werden 2040 zwischen 68 und 75 % der Nachfrage nach Grünem Gas der Industrie zugerechnet werden können. Die Modellrechnungen besagen weiter, dass in Österreich 20 Terawattstunden (TWh) an national mobilisierbarem biogenen Grüngas zur Verfügung stehen. Das Problem: Der Bedarf der untersuchten Bereiche sei viel höher, selbst bei einer engergieeffizienten Weiterentwicklung würden ca. 69 TWh an Grünem Gas fehlen.

Im Umkehrschluss sollten Raumwärme und ein Großteil des Verkehrs auf andere klimafreundliche Alternativen wechseln, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, informiert das Infrakstrukturministerium. „Der wertvolle und energetisch hochwertige Energieträger [Anm.: Grünes Gas] muss dort eingesetzt werden, wo fossiles Erdgas schwer ersetzbar ist. Für die Bereitstellung von Raumwärme sind hingegen genügend Alternativen vorhanden, wie beispielsweise Biomasseheizungen und Fernwärme aus erneuerbaren Energieträgern, wodurch der Einsatz von grünem Gas nur in beschränktem Ausmaß sinnvoll erscheint“, schließt sich Franz Titschenbacher, Präsident des Österreichischen Biomasse-Verbandes, in einer Aussendung an.

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Der Biomasse-Verband stellt Österreich jedoch bessere Potenziale für erneuerbares Gas in Aussicht. Laut einer Potenzialabschätzung der Forschungseinrichtung BEST können ca. 50% des Erdgasverbrauchs kann durch erneuerbares Gas (Biogas und Holzgas) gedeckt werden, ohne an die Nachhaltigkeitsgrenzen zu gelangen oder anderen Anwendungen den Rohstoff zu entziehen. Das Ziel der Bundesregierung ist es, bis 2030 5 TWh erneuerbares Gas ins Erdgasnetz einzuspeisen. Laut der aktuellen Studie der Energieagentur liegen die Potenziale in etwa beim Vierfachen dieses Regierungsziels.

Energieautarkie vs. Klimaneutralität

Aktuell deckt Gas 17 % des österreichischen Energieverbrauchs aus, nahezu 100 % davon werden importiert. Günter Pauritsch, Experte der Österreichischen Energieagentur, macht sich daher für eine niedrige Auslandsabhängigkeit und eine hohe inländische Wertschöpfung stark. Dem stemmt sich Michael Mock, Geschäftsführer der ÖVGW, entgegen. Energieautarkie sei „kein Ziel einer entwickelten Volkswirtschaft. Sie findet sich daher auch nicht als Ziel im Regierungsprogramm wieder – da ist von Klimaneutralität die Rede, und die endet bekanntlich nicht an Österreichs Grenzen.

Grünes Gas sei weder ein rares noch ein kostbares Gut und schon gar nicht der "Champagner der Energiewende", heißt es in der Aussendung der ÖVGW weiter. Je früher großflächig umgestiegen werde, desto schneller ginge der Umstieg vonstatten, ist Mock überzeugt. Was für die rasche Umsetzung fehle, sei das entsprechende Grün-Gas-Förderungsgesetz, „das uns die zuständige Klimaministerin seit mehr als einem Jahr vorenthält“, erklärt er weiter. Die Debatte, dass in Österreich nicht ausreichend Grünes Gas hergestellt werden könne, um den gesamten heimischen Bedarf zu decken, sei entbehrlich.

Neue ÖVGW-Richtlinie

Eine neue Richtlinie G B210 zur Gasbeschaffenheit, die mit 1. Juni 2021 in Kraft tritt, ist zudem die Eintrittskarte für mehr Grünes Gas in Österreichs Gasnetz. War bisher das Einspeisen von 4 % Wasserstoff im Gasnetz erlaubt, sind es ab sofort 10 %.  „Die Strategie ‚Greening the Gas‘ geht auf. Mit der neuen Richtlinie ist der Weg für mehr Wasserstoff im Gasnetz geebnet“, so Michael Haselauer, Präsident der ÖVGW sowie Geschäftsführer der Netz Oberösterreich GmbH.