Coronavirus

Wie wirken sich Lüftungs- und Klimaanlagen auf die Coronavirus-Verbreitung aus?

In China sollen sich vor kurzem drei Familien über die Klimaanlage eines Restaurants mit dem Coronavirus infiziert haben. Forscher schließen eine Verbreitung über raumlufttechnische Anlagen nicht aus, weisen aber auch auf den richtigen Betrieb der Anlagen und eine damit verbundene geringere Infektionsrate hin.

Können Lüftungsanlagen das Coronavirus verbreiten? 

Der Fall dreier chinesischer Familien, die sich im selben Restaurant mit dem Coronavirus angesteckt haben könnten, lässt auch die Rolle von Klimaanlagen ins Zentrum der Aufmerksamkeit geraten. Forscher des Center for Desease Control an Prevention in Guangzhou haben die drei Familien untersucht. Alle Familienmitglieder waren mit dem Coronavirus infiziert und waren am selben Abend im gleichen Restaurant. Eine der Familien war zuvor aus Wuhan angereist und hat das Virus von dort mit nach Guangzhou genommen. Die anderen Familien saßen an Nachbartischen mit ausreichend Abstand, einen direkten Kontakt zwischen den Familienmitgliedern gab es nicht. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass auch diese eine Klimaanlage im Restaurant bei der Übertragung einen Einfluss gehabt haben könnte.

 „Die Gesundheitsbehörden gehen derzeit davon aus, dass die Übertragung über größere Tröpfchen erfolgt, die innerhalb von knapp zwei Metern um die Streuquelle auf den Boden fallen. Darauf basieren die empfohlenen Hygiene- und Distanz-Regeln“, erklärt der Humanmediziner Walter Hugentobler. Derzeit ist dabei aber noch nicht sicher, ob nicht auch eine Luftübertragung der Viren über größere Distanzen und Zeiträume möglich ist. „Meine Kenntnisse von der Geschichte der Infektionsübertragungen und den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten Jahre sagen mir, dass die Luftübertragung von Atemwegsinfektionen mit Gewissheit stattfindet. Dies gilt nicht nur für Coronaviren, sondern für alle Viren und Bakterien, die Infektionen der oberen und unteren Atemwege übertragen“, ist der Humanmediziner überzeugt und erklärt: „Bis in die späten 1980er Jahre wurde die Luftübertragung in der Wissenschaft nicht angezweifelt. Sie wurde sogar als erstrangiger Übertragungsweg vom US Center of Disease Control, CDC, anerkannt, auf Kongressen diskutiert, aber nicht angezweifelt, obwohl dafür keine eindeutigen Beweise vorlagen. Ohne gegenteilige, neue wissenschaftliche Erkenntnisse wurde die Luftübertragung in den späten 80er Jahren verdrängt und vergessen.“

Raumluftbedingungen sind entscheidend

Wie schnell und stark sich ein Virus innerhalb eines geschlossenen Raumes ausbreiten kann, ist dabei wesentlich von Faktoren wie Luftfeuchtigkeit, -austausch und -bewegungen abhängig. „Der Luftaustausch bestimmt die Geschwindigkeit, mit der die Virenzahl in der Raumluft verdünnt und die Viren abgelüftet werden. Die Luftbewegungen bestimmen die Ausbreitungsrichtung und die Reichweite des Virentransportes. Mindestens ebenso wichtig ist jedoch die relative Luftfeuchtigkeit. Sie bestimmt die Endgrösse und das Gewicht der Tröpfchen und damit ihre Reichweite und die Schwebedauer in der Raumluft“, so Hugentobler. Die Feuchtigkeit wirkt sich dabei direkt auf die Infektiosität des Coronavirus aus. Bei einer Luftfeuchtigkeit unter 40 Prozent vertrocknen die abgegebenen infektioösen Tröpfchen vollständig, da sie das Wasser an die Umgebungsluft abgeben. Dabei bleiben die Viren aber ansteckungsfähig, sie werden sozusagen konserviert und können stundenlang in der Raumluft verweilen. „Werden sie von einer anderen Person eingeatmet und in deren Atemwegen wieder befeuchtet, wird dort eine neue Infektion ausgelöst und das Virus wurde erfolgreich übertragen. In mittlerer Feuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent jedoch, kurz vor der vollständigen Vertrocknung der Tröpfchen, verlieren die Viren in den hochkonzentrierten Inhaltsstoffen der Tröpfchen ihre Infektiosität.“ Laut Walter Hugentobler ist in Gebäuden deshalb unbedingt eine Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent anzustreben, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor einer Atemwegsinfektion geschützt sind. Bei dieser Luftfeuchtigkeit funktionieren die Immunabwehr der Atemwege und das Selbstreinigungssystem von Nase und Bronchien am effektivsten und die Ansteckungsfähigkeit von Viren wird drastisch reduziert. 

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Damit die Luftfeuchtigkeit im Innenraum kontrolliert werden kann, lohnt sich die Anschaffung eines Hygrometers. Damit kann der Feuchteverlauf über einige Tage beobachtet und nötigenfalls nachgebessert werden. Hier kommen raumlufttechnische Anlagen zum Einsatz: „Falls häufig eine relative Feuchte von unter 40 Prozent festzustellen ist, sollte man einen Luftbefeuchter einsetzen, der bei der Hygieneprüfung gute Bewertungen bekommen hat. Ebenso gilt es, eine zu hohe Luftfeuchtigkeit zu vermeiden. Falls der Luftbefeuchter nicht über einen eingebauten Hygrostat verfügt, erreicht man kontrollierte Luftfeuchtigkeit am besten, indem man die Stromzufuhr des Luftbefeuchters über einen Steckdosen-Hygrostat laufen lässt. Die Hygienevorschriften des Luftbefeuchters sind unbedingt zu beachten“, warnt der Mediziner. 

Luftzirkulation kann Übertragung fördern

Die chinesischen Forscher gehen bei der Ansteckung der drei Familien davon aus, dass sich die schweren Tröpfchen über den zu starken Luftzug der Klimaanlage verbreiten konnten. Der Luftabzug war in diesem Fall direkt über dem Tisch der infizierten Familie platziert, sodass die Tröpfchen eingesaugt und verbreitet werden konnten. Derzeit handelt es sich hier aber um einen Einzelfall, die Forscher haben keine weiteren Experimente durchgeführt, um ihre Vermutungen zu belegen. Aber auch Walter Hugentobler schließt eine Übertragung über raumlufttechnische Anlagen nicht aus: „Bei der Verfolgung der Übertragungsketten während der SARS Epidemie 2002/2003 gab es zahlreiche Krankheitsausbrüche, die ausschließlich mit einer Luftübertragung erklärt werden konnten. Die Übertragungen im Hochhausquartier Amoy Gardens in Hong Kong sowie in vielen Spitälern und Hotels konnten nur mit Luftübertragungen über große Distanzen erklärt werden. Nur ein kleiner Teil der Betroffenen hatte Kontakt untereinander gehabt.“

Bei den raumlufttechnischen Anlagen kommt es vor allem auf den richtigen Betrieb an. Die Zuluft-Menge von Lüftungs- und Klimaanlagen sollte an Raumvolumen und Personenzahl angepasst werden. Gefährlich wird es vor allem dann, wenn die Luft rezirkuliert wird. Viren werden dann im Gebäude herumgereicht, statt mit der Abluft abtransportiert zu werden. „In den allermeisten Fällen, insbesondere wenn die Anlage gut konzipiert ist, wird es aber sinnvoll sein, sie in angepasstem Umfang laufen zu lassen. Dies gilt insbesondere, wenn nicht regelmäßig gelüftet werden kann“, erklärt Hugentobler abschließend.

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