Integrale Planung : Alle müssen wissen, was wir zu tun haben
Clemens Neubauer ist einer der technischen Geschäftsführer der pde Österreich. Er ist seit 2012 in der Porr tätig, hat dort das Team der BIM Excellence mit mittlerweile 85 BIM-Expert*innen aufgebaut und verantwortet neben BIM auch die Themen „Lean“ und „Nachhaltigkeit“, die unter dem Namen pde Solutions zusammengefasst sind.
- © Astrid KnieTGA: „Integrale Planung“ ist als Schlagwort seit mindestens 40 Jahren am Markt. Aber woran erkennt man einen „echten“ integralen Planungsprozess?
Clemens Neubauer: Das lässt sich leicht am Umfeld erkennen. Die Frage ist: gibt es ein „planen der Planung".
Was verstehen Sie unter „planen der Planung“? Und wie nennen Sie das Gegenteil von „integraler Planung“?
Neubauer: Damit meine ich, dass von Anfang an die Frage berücksichtigt wurde, wie die Stakeholder zusammenkommen, wie sie gemeinsam planen und diesen Prozess auch kontinuierlich fortsetzen können. Das macht den Ansatz von integraler Planung aus. Das Gegenteil würde ich den „klassischen Planungsprozess“ nennen: Jedes Gewerk arbeitet in seinem eigenen Silo, und erst wenn es fertig ist, wird die Kommunikation und der Freigabeprozess gestartet.
Was ist das Wichtigste an der integralen Planung? Bedingt das auch ein digitales Abbild des Gesamtplans, auf den alle Zugriff haben.
Neubauer: Um die Komplexität eines Projekts abbilden zu können, braucht es vor allem ein Regelwerk, wie wir dieses Projekt abwickeln können. Das betrifft auch die Fehler, die wie überall passieren: Wie ist der Umgang mit Fehlern geregelt, um das Beste für das Projekt zu erreichen? Das ist zentral, die Digitalisierung steht da vorerst nicht im Vordergrund.
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Wir machen BIM ja nicht als Selbstzweck, sondern weil es viele Vorteile hat.
Integral: Planung vor Digitalisierung
Sie haben bei der Porr seit 2013 den Bereich BIM aufgebaut, jetzt leiten Sie bei „pde Integrale Planung“ zusätzlich auch noch die Bereiche „Lean“ und „Nachhaltigkeit“ unter dem Namen „pde Solutions“. Wie hängt das für Sie zusammen?
Neubauer: Eine Erkenntnis der letzten 12 Jahre ist es, genau den oben beschriebenen Faktor, das Planen der Planung, das Vorbereiten des Projekts, in den Vordergrund zu stellen. BIM funktioniert dann, wenn es vorbereitet ist. Wenn BIM nicht funktioniert, dann heißt das, dass es nicht richtig vorbereitet wurde und die Stakeholder – vor allem auch die Ausführenden – nicht rechtzeitig integriert wurden.
Bleiben wir noch bei den Planer*innen: Sie kennen die Studie der Fachgruppe Ingenieurbüros, wonach ein Drittel der Mitgliedsbetriebe BIM nicht angreifen wollen. Warum ist das so?
Neubauer: Das liegt an der Struktur der österreichischen Architektur- und Ingenieurbüros. Wir haben viele Büros, die zu klein sind, um wirklich in Software und Ausbildung der eigenen Mitarbeiter*innen zu investieren. Da ist viel Eigeninitiative nötig, da von Seiten der Softwarehersteller viele Schnittstellen zu bestehenden Programmen noch gar nicht zur Verfügung gestellt werden. Das selbst zu lösen, da haben mittelständische Büros vielleicht nicht die Kraft dazu.
Wie würden Sie diese Kolleg*innen zu überzeugen versuchen?
Neubauer: Wir machen BIM ja nicht als Selbstzweck, sondern weil es viele Vorteile hat. Ein Schritt, der stark zur Verbreitung von BIM und integraler Planung beitragen könnte, wäre die aktive Vermittlung dieser Vorteile durch eine Interessensgemeinschaft oder eine Institution.
Die aktive Vermittlung der Vorteile von BIM und integraler Planung durch eine Interessensgemeinschaft oder eine Institution könnte stark zur Verbreitung beitragen.
BIM in der Breite mit OIB, ÖIAV oder Austrian Standards
An welche Institutionen denken Sie?
Neubauer: Ich denke da beispielsweise an das Normungsinstitut, das dazu berufen wäre, die Erkenntnisse aus der BIM-Praxis weiterzugeben. Aber auch das OIB oder der ÖIAV wären dazu prädestiniert, die Wettbewerbsvorteile in den Mittelpunkt zu stellen. In der Vergangenheit wurde viel Forschungsgeld für BIM ausgegeben, jetzt ginge es um die Anwendung, um ein „best for project“.
BIM und integrale Planung sind in vielen Normen definiert und beschrieben. Welche Unterstützung bieten DIN und ISO bei der Umsetzung?
Neubauer: Zum Anfangen würde ich Normen nicht hernehmen. Die Komplexität der Normen ist so groß geworden, dass ein sinnvolles Umsetzen gar nicht mehr möglich ist. Es gibt so viele Querverweise und Zusammenhänge zwischen den vielen Normen, können während eines Projektes gar nicht mehr auf Punkt und Beistrich umgesetzt werden. Da reicht eine Leitlinie von Experten, die wissen, was drinnen steht und die sagen, was in ein Projekt mit reinzunehmen gut wäre.
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Ich höre immer wieder den Satz „BIM hat erst funktioniert, als wir Lean eingeführt haben“.
Lean Management in der Planung
Wo ist der Zusammenhang zwischen integraler Planung und „Lean Management“?
Neubauer: Für uns als pde ist das als „Vermeidung von Verschwendung“ definiert. Es geht darum, schlanker zu werden in der Abwicklung, die Wertschöpfung im Blick zu halten und nicht notwendige Tätigkeiten auszuschalten. Ich höre immer wieder den Satz „BIM hat erst funktioniert, als wir Lean eingeführt haben“.
Wie kann man sich so einen Lean-Planungsprozess vorstellen?
Neubauer: Wir nehmen uns die Planungswerke her, machen eine Gesamtprozessanalyse bis zur Ausführung, und legen fest, was die Einzelschritte sind. Das visualisieren wir dann ganz konkret, analog und digital: So wissen alle gemeinsam, was wir zu tun haben und was in den nächsten Wochen passieren muss.
Was sind die Vorteile so eines „leanen“ Planungsprozesses?
Neubauer: Es werden Fehler vermieden, und wenn doch Fehler passieren, wird das schneller transparent. Wir kommen wöchentlich zusammen und können gemeinsam reagieren. Das geht bis zur Frage, ob wir die vorgenommenen Aufgaben wirklich bis nächste Woche schaffen, und was zu priorisieren ist, wenn die Zeit knapp wird.
Digitale Plattform statt einzelner Tools
Können Sie uns ein Beispiel aus der TGA geben?
Neubauer: Wir verwenden das Modell für Anwendungsfälle, wie etwa für die Vergabe von Malerarbeiten. Wir fragen uns, ist der Reifegrad des Projekts so weit, dass wir das schon ausschreiben können. Sind die Informationen vom Architekten im BIM-Modell, wurden Durchbrüche für die TGA gesetzt etc. – ist das alles im System, bekomme ich automatisch die richtigen Maße und Mengen für die Malerausschreibung heraus. Das ist ein typischer, leaner, integrierter BIM-Prozess.
Darum doch nochmal die Frage: Bedingt integrale Planung eine Digitalisierung des Prozesses?
Neubauer: Es ist ja auch im klassischen Planungsprozess schon so, dass jede Besprechung protokolliert und To-dos ausgearbeitet werden. Die sind dann halt nicht mehr auf Papier, sondern in Word und Excel, also auch digital … entscheidend ist, dass wir von diesen alten, digitalen Tools zugunsten eines plattformorientierten Arbeitens wegkommen.
Die Benchmarks messen die Anzahl von eingehaltenen Zusagen im Projekt.
Partnerschaftsmodelle für die Ausführung
Kommen wir zur Ausführung, die Sie schon mehrfach angesprochen haben. Im Gegensatz zur integralen Planung habe ich „Integrale Ausführung“ noch nie gehört: Warum?
Neubauer: Weil derzeit die Methoden und Vertragsmodelle ausreichend sind, um auch eine integrale Ausführung zu beschreiben. Aber auch wenn es das Schlagwort nicht gibt, kann man in der Ausführung interagieren. Dafür gibt es mehrere Partnerschaftsmodelle, die halt einfach einen anderen Namen tragen.
An welchen KPIs messen Sie den Erfolg eines Planungsprozesses?
Neubauer: Wir haben aus dem Lean-Prozess heraus Benchmarks, die die die Anzahl von eingehaltenen Zusagen im Projekt messen. Wenn da 100 Prozent rauskommen, dann stimmen die Zahlen nicht. Aber wenn wir über ein gesamtes Projekt in einem Frequenzband von 80 bis 85 Prozent liegen, ist es ein tolles Projekt gewesen. Zudem kann ich das Projekt damit auch laufend steuern: Wenn diese Benchmarkt runtergeht, muss ich etwas tun, wenn die Zahlen nach oben gehen, bin ich am richtigen Weg.
Schön wäre es, wenn wir „integrale Planung“ irgendwann einmal als „traditionelle Planung“ bezeichnen könnten!
KI in der integralen Planung
Ein Ausblick: Welche Rolle kann bei BIM und integraler Planung mit den vielen Daten die Künstliche Intelligenz spielen?
Neubauer: Eine sinnvolle Anwendung wäre es beispielsweise, wenn wir KI-Systeme zur Verfügung hätten, die schon in frühen Projektphasen die Anforderungen gemeinsam mit Modelldaten analysieren und Informationen zusammenfassen. Hier steckt ein Riesenpotenzial, um viel schneller zu belastbaren Preisen zu kommen, ohne dass Techniker das einzeln zusammentragen müssen. Eine zweite wertvolle Anwendung wäre es, wenn eine KI unterschiedliche Standards lesen und in eine gemeinsame Sprache übersetzen könnte, ohne dass eine Schnittstelle programmiert und jedes Mal nachgezogen werden muss, wenn sich an einer Software etwas ändert.
>>> Kommentar: Wie KI unsere Rolle als Ingenieure verändert
Zurück zum Anfang: Den Begriff der Integralen Planung gibt es jetzt seit 40 Jahren. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Neubauer: Schön wäre es, wenn wir „integrale Planung“ irgendwann einmal als „traditionelle Planung“ bezeichnen könnten!