Biomassestrategie : Bioenergie auf der Überholspur
Lorenz Strimitzer, Head of Center Renewable Materials & Resources bei der Österreichischen Energieagentur, Franz Titschenbacher, ÖBMV-Präsident und Silvio Schüler, Leiter des Instituts für Waldwachstum und Waldbau am Bundesforschungszentrum für Wald stellen die Biomassestrategie vor.
- © ÖBMVDie Bioenergie hat das fossile Erdgas erstmals überholt, geht aus den Daten der vorläufigen Energiebilanz 2025 von Statistik Austria hervor. Demnach deckt der regional verfügbare Energieträger rund 21 Prozent des Bruttoinlandsverbrauchs. „Auch die Biomassestrategie der Österreichischen Energieagentur zeigt, dass bis 2040 ein Anteil von 30 bis 50 Prozent an der Energieversorgung möglich ist", erklärt Franz Titschenbacher. Laut dem Präsidenten des Österreichischen Biomasse-Verbandes fehle es nicht an erneuerbaren Lösungen, sondern vielmehr am Willen zum Ausstieg aus fossilen Energien. Mit der Elektrifizierung auf der einen Seite und dem Ausbau der Biomasse auf der anderen sei ein fossilfreies, leistbares und umweltfreundliches Energiesystem möglich.
Mit der Biomassestrategie hat die Österreichische Energieagentur nun einen Rahmen aufgezeigt, wie der Ausstieg aus fossilen Energiequellen mithilfe der Bioökonomie umgesetzt werden kann. Erstmals wurden dabei die Systemgrenzen am natürlichen Kohlenstoffkreislauf ausgerichtet – von der Urproduktion, über die Verarbeitung, bis hin zum Konsum der Produkte und dem dafür notwendigen Energiebedarf.
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Detailanalyse des Wärmesektors
Die Biomassestrategie basiert auf einer Vielzahl von Detailstudien, zum Beispiel die Biomasseflüsse in Österreich, Szenarien der künftigen Nutzung sowie Klimaeffekte und die volkswirtschaftlichen Effekte. Die Strategie wurde aktuell um eine Detailanalyse des Wärmesektors erweitert, da dieser einen der wichtigsten und größten „Hebel“ zur Defossilisierung unseres Energiesystems darstellt.
>> Wärmewende: Wie viel Energie Österreich für Wärme verbraucht
Für die Niedertemperatur-Wärme – das umfasst die Beheizung von Gebäuden, die Bereitstellung von Warmwasser oder auch betriebliche Prozesse – ist die Bioenergie vor allem in Form von Pellets, Hackgut oder Brennholz systemrelevant. Im Detail wurde der Wärmeverbrauch im Zeitverlauf betrachtet und die Lastspitzen im Bereich Wärme und Strom analysiert. „Die Erneuerbaren im Wärmebereich müssen massiv ausgebaut werden, um die Erzeugungslücke – vor allem im Winter – zu schließen“, erklärt Lorenz Strimitzer, Head of Center Renewable Materials & Resources bei der Österreichischen Energieagentur und einer der Studienautoren.
Zentrale Erkenntnisse der Studie
- Österreich braucht deutlich mehr Wärme als Strom: Der saisonale Energiebedarf im Bereich Wärme ist fünfmal größer als im Stromsektor
- Die direkte Nutzung von Bioenergie im Wärmebereich ist ein wesentliches Instrument zur Erreichung der Energie- und Klimaziele.
- Es gibt massive Bedarfsspitzen, was Wärme betrifft: Der maximale Wärmebedarf beträgt bis zu 63 GW und ist damit sechsmal größer als im Stromsektor.
- Bei hohem Wärmebedarf wird viel CO₂-intensiver Strom importiert.
- Rund die Hälfte der Wärme wird bereits durch Biomasse bereitgestellt.
- Erzeugungslücken sind eine große Herausforderung aber auch Chance für ein erneuerbares Energiesystem der Zukunft.
Steigerung der Biomassenutzung ist möglich
Die Szenarien der Biomassestrategie zeigen auf, dass die Biomasse-Nutzung mit ambitionierten Mobilisierungsmaßnahmen bis 2040 von derzeit rund 250 PJ auf zumindest 300 – 350 PJ gesteigert werden kann. Die Studie untermauert außerdem, dass der Ersatz aller Ölkessel durch Erneuerbare bis 2040 machbar ist, wenn der Kesseltausch forciert wird. Der Ausstieg aus fossilen Heizungen macht wiederum Rohstoffe für andere, schwer dekarbonisierbare Sektoren frei. Gleichzeitig schafft Bioenergie heimische, regionale Wertschöpfung und Beschäftigung sowie fiskalische Rückflüsse an den Staat.
Wald der Zukunft
Die meisten der Potenziale ergeben sich laut Studie durch den beschleunigten Waldumbau hin zu klimafitten Beständen. Denn wie dringend der Umbau unserer Energiesysteme und die Abschwächung des Klimawandels ist, zeigt sich schon jetzt im österreichischen Wald: Nassschneeereignisse, Stürme und Dürreperioden sowie die darauf folgende Massenvermehrung von Schadinsekten haben im letzten Jahrzehnt zu einem Rekordaufkommen an Schadholz geführt und die Notwendigkeit eines zügigen Waldumbaus aufgezeigt.
„Trotz eines seit mehr als drei Jahrzehnten steigenden Anteils an Laub- und Mischwäldern, stellen die hohen Holzvorräte der Fichte und die unzureichende Verjüngung weiterhin das größte Risiko für den Wald in Österreich und dessen Kohlenstoffspeicher dar“, erklärt Silvio Schüler, Leiter des Instituts für Waldwachstum und Waldbau am Bundesforschungszentrum für Wald (BFW). Das Bundesforschungszentrum für Wald hat daher im Auftrag des Österreichischen Biomasse-Verbandes, der Landwirtschaftskammer Österreich und der Land- und Forstbetriebe Österreich eine Studie für einen beschleunigten Waldumbau erstellt.
Die Studie basiert auf dem aktuellen Zustand des Waldes und berücksichtigt neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Im unterstellten Nutzungsszenario werden bis 2050 bewusst die Erntemengen erhöht, um den Zuwachs anzukurbeln und das Risiko von Schadereignissen zu verringern. Dabei sollten bevorzugt die relativ ältesten, zuwachsschwachen Bestände verjüngt werden. Ab 2050 – wenn die Substitutionsleistung biogener Rohstoffe aufgrund einer vollständig emissionsneutralen Wirtschaft geringer ausfällt, wird die Nutzung wieder reduziert, um langfristig die Kohlenstoffvorräte im Wald wieder zu steigern.