Österreichische Biomassestrategie : Biomasse gestern, heute und morgen

Lorenz Strimitzer, Energieagentur, Franz Titschenbacher, ÖBMV, und Bernhard Wlcek, Energieagentur (v.l.n.r.)

Lorenz Strimitzer, Energieagentur, Franz Titschenbacher, ÖBMV, und Bernhard Wlcek, Energieagentur (v.l.n.r.)

- © Österreichischer Biomasse-Verband/Viennamotion KG

Biomasse ist Österreichs wichtigster Wärmelieferant für private Raumwärme. Nach politischem Gerangel rund um die Erneuerbare-Energie-Richtlinie III (RED III) der EU ist seit Ende 2023 auch klar: Holz wird in seinen vielfältigen Formen eine wichtige Rolle für die europäische Energiewende spielen. Die von der Österreichischen Energieagentur (AEA) erstellte Biomassestrategie liegt nun einen Rahmen vor, wie der Ausstieg aus fossilen Energiequellen mithilfe der Bioökonomie umgesetzt werden kann. Erstmals werden dabei die Systemgrenzen am natürlichen Kohlenstoffkreislauf ausgerichtet: von der Urproduktion über die Verarbeitung bis hin zum Konsum der Produkte und dem dafür notwendigen Energiebedarf.

Die einer Vielzahl von Detailstudien basierende Biomassestrategie zeigt: Der Ausstieg aus fossilen Energien ist mit einer Kombination aller erneuerbaren Energiequellen effizient, kostengünstig und volkswirtschaftlich vorteilhaft umsetzbar. Wesentliche Hebel dafür seien die Klimawandelanpassung im Wirtschaftswald, der Ausstieg aus fossilen Heizsystemen sowie die ressourcen- und klimaeffiziente Nutzung von Biomasse.

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Effektiver Abschied von den Fossilen

„Der kürzlich veröffentlichte Sachstandsbericht zum Klimawandel macht eines deutlich: Wir müssen schneller und effektiver aus fossilen Energieträgern aussteigen", erklärt Franz Titschenbacher, Präsident des Österreichischen Biomasse-Verbandes, anlässlich der Studienpräsentation. Natürliche Senken würden den fossilen Energieausstoß nicht kompensieren können – es brauche zusätzlich technische Senken, um das 2-Grad-Ziel noch einhalten zu können. Daher gelte: Je schneller man jetzt aus fossilen Energien aussteige, desto weniger technische Senken werden notwendig sein. 

„Das ist auch ein wesentlicher Kostenfaktor. Der Ersatz einer fossilen Heizung ist beispielsweise etwa zehnmal günstiger als die technische CO₂-Abscheidung, deren Transport und die Einlagerung in der Erdkruste“, so Titschenbacher. Mit der Biomassestrategie wolle man daher ein umfassendes Konzept dazu vorlegen, wie Klimaschutz technologisch, wirtschaftlich, sozial und nachhaltig und vor allem praxistauglich funktionieren kann.

„In unserer hochtechnisierten Welt kann Biomasse eine unüberschaubare Anzahl an Funktionen übernehmen. Die Biomasse, die wir zur Verfügung haben, ist allerdings begrenzt“, schildert Bernhard Wlcek, einer der AEA-Studienautoren. Die Studie hat sich daher mit wesentlichen Fragen zur heutigen wie auch zukünftigen Nutzung von Biomasse, ihren verfügbaren Mengen und den sich daraus ergebenden Vorteilen beschäftigt. 

Österreichs Biomasseflussbild

 

- © Österreichische Energieagentur

Biomasse in Österreich

Im Rahmen der Studie wurde erstmals eine komplette Bestandserhebung der Biomasseproduktion, -verarbeitung und -nutzung für Österreich durchgeführt. Die erhobenen Einflussgrößen wurden zusammenfassend in Form des obigen Flussbildes dargestellt: Es bildet alle Ein- und Ausgangsströme in Tonnen sowie die beteiligten Sektoren ab. Inkludiert ist zudem die energetische Nutzung von Biomasse in Österreich zur Produktion von Wärme und elektrischen Strom für Verkehr, Haushalte und die Industrie.

Ersichtlich ist dabei, dass in Österreich aktuell 46 Mio. Tonnen Biomasse genutzt werden. Als Quellen der genutzten Biomasse fungieren hauptsächlich die

  • österreichische Forstwirtschaft (9,7 Mio. Tonnen), 
  • landwirtschaftliche Ackerflächen (10 Mio. Tonnen) und Grünland (4,6. Mio. Tonnen), 
  • Grünflächen (3,1 Mio. Tonnen) 
  • sowie Importe (19,1 Mio. Tonnen). 

Importiert wird hauptsächlich Säge- und Industrieholz. Nach Veredelung werden die daraus entstandenen Produkte großteils wieder exportiert. Auch dadurch bedingt, beläuft sich der gesamte Export an Biomasse aus Österreich auf 11,4 Mio. Tonnen. Durch die inländische Be- und Verarbeitung von Biomasse fallen größere Mengen an Nebenprodukten an, diese werden hauptsächlich energetisch genutzt.

>>> Bioenergie – Österreichs wichtigster Wärmelieferant

 

Primärproduktion von Biomasse in Österreich
Primärproduktion von Biomasse in Österreich - © Österreichische Energieagentur

Zentral ist auch die energetische Nutzung der Biomasse mit rund 14,6 Mio. Tonnen. Diese wurde entsprechend dem Energieverbrauch auf Sektoren aufgeteilt. Die wichtigsten energetischen Einsatzgebiete von Biomasse in Österreich sind die Umwandlung in Strom und Wärme sowie die direkte Nutzung in den Haushalten. Rund 3,1 Mio. Tonnen werden von der Bioökonomie wieder zur Eigenversorgung benötigt. Betrachtet man die energetischen, also senkrechten Energieströme fällt auf, dass noch relevante Mengen an fossiler Energie zur Produktion der Biomasse eingesetzt werden, nämlich rund 58 PJ. „Die Biomassenutzung verursacht Gesamtemissionen von 7,32 Mio. Tonnen CO₂-Äquivalenten. Allerdings ist die CO₂-Bindung über die Photosynthese um ein Vielfaches größer. Wir haben hierfür die Primärproduktion der Biomasse berechnet. Das Ergebnis zeigt, dass nur rund ein Drittel der Nettoprimärproduktion physisch erfasst wird“, so Wlcek. 

Förderung für Kessltausch rechnet sich

Neben dem Biomasseflussbild und dafür erhobenen Zahlen und Daten wurden auch weitere Effekte der Biomassenutzung betrachtet. Darunter fallen beispielsweise die steuerlichen Effekte bei Installation und Betrieb von Pelletkesseln. Bei einmaliger Anreizförderung von 10.000 Euro für die Installation einer Pelletheizung käme es nach Berechnungen der Studie zu Staatseinnahmen in Form von Mehrwertsteuer und Lohnnebenkosten von rund 55.000 Euro über 20 Jahre Betriebsdauer. 

Am Beispiel einer Pelletheizung konnte so gezeigt werden, dass sich die Förderungen über Mehrwertsteuereinnahmen und Lohnkosten innerhalb von wenigen Monaten positiv auf das Budget auswirken. „Der Kesseltausch gehört zu den 'Low Hanging Fruits' der Energiewende, weil er relativ einfach umzusetzen ist und substanzielle Effekte erzielt, vor allem beim klassischen Einfamilienhaus aus den 1970er-Jahren mit 3.000 Litern Heizölverbrauch. Bioenergie ist zudem der billigste Wärmespeicher", bekräftigt Lorenz Strimitzer, ein weiterer AEA-Studienautor.

Bioenergie verlagert die Wertschöpfung zudem vom Ausland ins Inland – selbst die Produktion der Kessel erfolgt im Fall von Bioenergieanlagen größtenteils inländisch. Dazu kommt, dass sich dadurch im Vergleich zu einem fossilen Heizsystem rund 300 Tonnen CO₂ sparen lassen.

Steuereinnahmen-Beispiel: typischer Pelletskessel
Steuereinnahmen-Beispiel: typischer Pelletskessel - © Österreichische Energieagentur

Teil des biogenen Kohlenstoffkreislaufs

„Wir haben im Rahmen der Biomassestrategie umfassende Lebenszyklusanalysen zu den THG-Emissionen von Energiesystemen und zu Substitutionseffekten für österreichische Verhältnisse berechnet“, informierte Strimitzer. Bioenergie sei demnach eine besonders effektive Maßnahme, um Treibhausgasemissionen zu senken. Denn biogener Kohlenstoff bzw. Biomasse ist Teil des biogenen Kohlenstoffkreislaufs. Die CO₂-Aufnahme (durch Pflanzenwachstum) und Freisetzung (durch Verbrennung) gleichen sich dabei aus. Wird fossile Energie durch Bioenergie ersetzt, werden die klimawirksamen Emissionen somit vermindert. Das ist der oben genannte „Substitutionseffekt“.

In Summe übersteigen die CO₂-Einsparungen durch die Biomassenutzung die dabei verursachten Emissionen. Allein die energetischen Substitutionseffekte belaufen sich in der Studie auf bis zu 26 Mio. Tonnen vermiedenes CO₂ im Jahr 2040 – wenn die Bioenergie entsprechend ausgebaut wird. Auch das wurde in Form von Szenarien umfassend analysiert:

Die Energieagentur hat drei Szenarien mit einer niedrigen (250 PJ), mittleren (350 PJ) und hohen (450 PJ) Biomassenutzung bis 2040 entwickelt, wobei fossile Energieträger bis dahin ersetzt werden sollen. „Je höher das genutzte Biomassepotenzial, umso größer ist der Anteil der inländischen Energieerzeugung“, erläutert Strimitzer. Je nach Szenario steige der Selbstversorgungsgrad auf 89 Prozent bis 94 Prozent. Derzeit sei Österreich noch zu etwa 65 % von fossilen Energieimporten abhängig. 

Nutzendimension „Fossiles CO₂ einsparen“ – Substitutionseffekte

- © Österreichische Energieagentur

Jährlich bis zu 40.000 neue Holz-Kessel nötig

Basierend auf Energienutzungsszenarien wurde die Entwicklung des Energiesystems bis ins Jahr 2040 modelliert. Dabei wurden unterschiedliche Szenarien mit Verbräuchen von 250 PJ bis 450 PJ untersucht. Wichtig ist, dass die Energiezukunft aus einem Mix aller Erneuerbaren bestehen sollte. „In unserem mittleren Szenario brauchen wir zur Aufrechterhaltung der Bioenergieversorgung rund 4 Mio. Tonnen Biomasse für Einzelheizungen in Haushalten, 3,3 Mio. Tonnen für Fernwärmeanlagen, 7,7 Mio. Tonnen für Gewerbe und Industrie sowie 5,4 Tonnen für KWK-Anlagen. Darüberhinausgehende Mengen bis zur vollständigen Potenzialausschöpfung stehen für andere Anwendungsbereiche zur Verfügung“, so Strimitzer. Für die Sicherstellung der Wärmeversorgung brauchen es nach den Berechnungen jedes Jahr zwischen 27.000 und 40.000 neue Biomassekessel.

NEA-Szenarien
NEA-Szenarien - © Österreichische Energieagentur

Politische Forderungen

Auf Grundlage der Studie hat der Österreichische Biomasse-Verband vier konkrete, politische Handlungsnotwendigkeiten abgeleitet:

  • Ein umfangreiches Kesseltauschprogramm mit dem Ziel 1,3 Millionen fossile Heizungen schnellstmöglich durch erneuerbare Heizsysteme zu ersetzen. 
  • Ausbau der Stromproduktion durch kombinierte Anlagen zur gleichzeitigen Strom- und Wärmeerzeugung – insbesondere für die Wintermonate, wenn wenig Strom aus Wasserkraft und Photovoltaik zur Verfügung steht. 
  • Fokus auf den Ausstieg aus fossilen Energien im Rahmen der Kreislauf- und Bioökonomiestrategien, darunter auch die Umstellung der Produktionsprozesse innerhalb der Bioökonomie.
  • Die Implementierung neuer Technologien wie der CO₂-Abscheidung sowie die Produktion von grünen Gasen und erneuerbaren flüssigen Treibstoffen – um den Verlust natürlicher Senken auszugleichen und erneuerbare Alternativen für schwer elektrifizierbare Bereiche bereitzustellen.