Monitoring first : Viva la Energierevolution
Rainer Pfeiffer (links) und Michael Hameseder (rechts) im Erevo Testlabor in Karlstein
- © ErevoDie Ausgangsfrage vieler energetischer Sanierungsprojekte wäre eigentlich simpel: Wie viel Energie verbraucht das Gebäude überhaupt – und warum? Der Konjunktiv deutet es bereits an: In der Praxis sind präzise Antworten auf diese Fragen nicht immer ein Leichtes. Systeme werden installiert, Heizungen getauscht, Dämmungen ergänzt. „Dekarbonisieren ist natürlich super“, betont Erevo-Geschäftsführer Rainer Pfeiffer. Aber: „Dass wir den Gebäudebetrieb teurer machen und viel mehr Firlefanz einbauen, das ist eine Katastrophe.“ Mithilfe von Monitoring will das Karlsteiner Unternehmen Erevo – kurz für EnergieRevolution – dem ein Ende setzen.
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Da ist so viel Sauerei in der technischen Heizungs- und Energieverteilbranche, dass wir was tun müssen.Rainer Pfeiffer, Erevo
Zwei unterschiedliche Wege, ein gemeinsames Ziel
Die beiden Erevo-Geschäftsführer Rainer Pfeiffer und Michael Hameseder kommen aus völlig unterschiedlichen Richtungen. Pfeiffer, Ziehvater von Erevo, stammt aus der Kfz-Branche. Seine Wurzeln liegen in Parkleitsystemen und Wasserstoffmobilität der 1980er-Jahre. Missstände in der Gebäudetechnik trieben ihn schließlich in die Energiebranche: „Da ist so viel Sauerei in der technischen Heizungs- und Energieverteilbranche, dass wir was tun müssen.“
Hameseder wiederum war zuvor lange in der Lebensmittelbranche tätig und fand über Prozessmanagement und Wertschöpfungskettenoptimierung in die Gebäudewelt. Sein Zugang ist analytisch: „Wenn man sich mit Prozessen auseinandersetzt, kommt man immer auf den Faktor Mensch.“ Bei Erevo ergänzen sich Technikaffinität und Prozessdenken für Hameseder ideal: „Wenn man diese zwei Themen übereinanderlegt, generiert man wirklichen Mehrwert.“
Wenn wir bestehende Heizanlagen nicht rausschmeißen, sondern nur optimieren würden, dann könnten wir querbeet Energie in der Größenordnung von 25 Prozent einsparen.Rainer Pfeiffer, Erevo
Mission: Monitoring als Grundlage
Für die beiden Monitoringexperten gibt es eine klare Priorisierung: Monitoring first, thermische Sanierung second, Heizungstausch third. „Wenn wir bestehende Heizanlagen nicht rausschmeißen, sondern nur optimieren würden, dann könnten wir querbeet Energie in der Größenordnung von 25 Prozent einsparen, in manchen Fällen sogar das Doppelte“, ist sich Pfeiffer sicher.
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Ist ein grundlegendes Energiemonitoring-System erstmal vorhanden, folgt der nächste Schritt: Das Verständnis der Ergebnisse. „Viele Gebäude haben tolle Energiemonitoring-Systeme und wenn man dann nachfragt, wie es funktioniert, wissen die meisten gar nicht, welche Energieströme oder welche Betriebszustände gemessen werden“, kritisiert Hameseder. Aus Sicht von Erevo ist ein vollintegrierter Gebäudeleitstand für einen effizienten und ressourcenschonenden Anlagenbetrieb daher unerlässlich.
Daten verstehen, nicht nur sammeln
Daten bedeuten demnach nicht automatisch Klarheit, wie Pfeiffer bekräftigt: „Unsere Daten konnte anfangs niemand interpretieren. Deshalb haben wir begonnen, Interpretationen und Ableitungen durchzuführen, um den Datennutzern klare Voraussetzungen zu geben.“ Dazu gehört freilich auch das Aufbereiten der Rohdaten. Erevo baut im Monitoring eine klare Sequenz dazu auf, welche Daten womit verglichen werden und liefert die Ergebnisse sowohl grafisch als auch in Zahlen. Danach werden mittels Lean Management Handlungsstrategien empfohlen.
Und der Gedanke geht weiter: Hat man belastbare und eindeutig zuordenbare Daten zu Gebäudetypen, Heizsystemen oder Nutzungsverhalten, können daraus auch Erkenntnisse für vergleichbare Projekte abgeleitet werden. „Durch das Monitoring weiß man ganz genau, wie sich das Haus verhält. Diese Fakten stellen wir als Basis für Um- oder Neubauten zur Verfügung, damit Planer diese für Folgeprojekte dementsprechend nutzen können“, so Hameseder.
In unseren Normen und Richtlinien sind Größenordnungen festgeschrieben, die heute standortabhängig meistens nicht mehr zeitgemäß sind.Michael Hameseder, Erevo
Gebäuderealität: Geplant vs. gebaut
Ein wiederkehrendes Muster in zahlreichen Projekten: Korrekte Planung auf Papier – doch gebaut wird etwas anderes. Leitungswege ändern sich, Rohrdimensionen werden abweichend ausgeführt, Komponenten anders verschaltet. „Sobald eine Rohrdimensionierung anders ist, kann die Berechnung noch so gut sein – sie stimmt nicht mehr“, bringt es Hameseder auf den Punkt. Sein Appell: Bauherren müssen stärker kontrollieren, was sie abnehmen, denn Fehler in der Ausführung können (nicht überwacht) langjährige unerkannte Ineffizienzen nach sich ziehen.
Darüber hinaus machen sich die zwei Monitoringexperten für eine „zeitgemäße" Dimensionierungen von Anlagen stark. „In unseren Normen und Richtlinien sind Größenordnungen festgeschrieben, die heute standortabhängig meistens nicht mehr zeitgemäß sind“, so Hameseder. Die Folge seien meist überdimensionierte Anlagen – für Hameseder „riesengroße Moloche“ –, die sich im Gegensatz zu kaskadierten Systemen schwieriger bis kaum runterregeln lassen. Pfeiffer bestätigt: „Und dann versteckt sich jeder hinter dem Stand der Technik und den Normen.“
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Der Erevo-Ansatz
Der 2019 gegründete Monitoring-Dienstleister Erevo arbeitet herstellerübergreifend und begleitet Gebäude mit einer selbst entwickelten Software zwischen drei und fünf Jahren – vom ersten „Lernen“ bis zur vollständigen Energie-Eigenständigkeit. „Wenn es irgendwo nicht läuft, schreit die Anlage“, so Pfeiffer über die automatisierten Systeme. „Wir begleiten die Häuser wie ein Kind – vom Schulalter bis zum Flüggewerden.“ Projekte reichen von Industrieanlagen über kommunale Gebäude bis zum sozialen und frei finanzierten Wohnbau – rund 50 Anlagen österreichweit, unterstützt von einem Testlabor in Karlstein. Zu den überwachten Anlagen zählt auch Pfeiffers eigenes Heizwerk in Karlstein, das für Erevo als grüne Wiese dient.
Die technische Umsetzung erfolgt mit einem Netzwerk aus Partnerunternehmen, zu denen ein großes Installationsunternehmen, ein mittelgroßer Elektrikerbetrieb, ein Planungsbüro und ein Rohrbauer sowie Kooperationen mit Herstellern zählen. Erevo übernimmt die Datendifferenzierung und Koordination. „Wir haben den Taktstab in der Hand, die Noten bekommen wir im Sekundentakt von unseren Messinstrumenten“, lautet Hameseders Metapher dazu.
Wenn Anlagen „schreien“: Aus der Praxis
In den knapp mehr als fünf Jahren Unternehmensgeschichte hat Erevo einen Kunden – ein öffentlicher Bau in Niederösterreich – abgewiesen, erinnert sich Pfeiffer. „Da wäre die Einsparung so gering gewesen, dass es unsere Kosten nicht gerechtfertigt hätte.“ Andere Projekte begleiten sie wiederum länger: Eine Großwärmepumpenanlage in einem Wohnbau in Mödling, die ursprünglich 80 Prozent der benötigten Energie erneuerbar bereitstellen hätte sollen, lieferte stattdessen ungefähr 10 – die restlichen 90 Prozent wurden über Erdgas bezogen. Nach einer zweijährigen Baustelle und einer „Sanierung mit der Flex“, wie es Pfeiffer nennt, läuft die Anlage für 90 Wohnungen nun bestimmungsgemäß, inklusive laufendem Monitoring.
Leuchtturmprojekte schaffen die Energiewende nicht, das schafft die Masse.Michael Hameseder, Erevo
Masse statt Leuchtturm
Für die beiden Erevo-Inhaber muss sich die Sanierung verändern. Weniger Fokus auf Technologieversprechen, mehr auf Systemwissen, Aufklärung und Reproduzierbarkeit. „Leuchtturmprojekte schaffen die Energiewende nicht, das schafft die Masse“, meint Hameseder. Ihm ist auch wichtig, dass es ein grundlegendes Monitoring selbst mit bestehenden Komponenten möglich ist. „Es gibt sehr gute Komponenten, aber viele Gewerke wissen oft gar nicht, was man alles aus ihnen schon im Standard herausbekommt.“
Und gerade im Neubau lasse sich Energiemonitoring wirtschaftlich umsetzen: „Mit ca. fünf Prozent Mehrkosten im Elektrik- und HKLS-Bereich hätte man Monitoring ab Tag eins.“ Für die Zukunft wünschen sich die beiden Erevo-Geschäftsführer eine nationale Gebäudedatenbank, die Benchmarks ermöglicht. Denn ohne Vergleichswerte bleibt jede Sanierung ein Einzelfall.