Dekarbonisierung : Gebäude elektrifizieren: So groß ist das Einsparpotenzial wirklich

Je größer das Gebäude, desto höher das Einsparpotenzial durch Energieeffizienz, Energiemanagement und erneuerbare Erzeugung.

Je größer das Gebäude, desto höher das Einsparpotenzial durch Energieeffizienz, Energiemanagement und erneuerbare Erzeugung.

- © Siemens

Unternehmen sehen das gewaltige Potenzial, dass sich aus der Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden und Anlagen ergibt. Lag das Thema 2023 noch auf dem siebten Platz in der Prioritätenliste, so ist es mittlerweile ganz nach oben gerutscht. Das ist ein Resultat des Siemens Infrastructure Transition Monitors, einer im Zweijahrestakt erstellten, groß angelegten Studie, deren jüngste Auflage Ende 2025 veröffentlicht wurde. 1.400 Führungskräfte und Regierungsvertreter*innen aus 19 Ländern wurden zu den Bereichen Energie, Gebäude und Industrie befragt.

Ergebnisse aus dem Kapitel Gebäude: Mehr als die Hälfte der Befragten plant, heuer verstärkt in Energieeffizienz (57 Prozent) und intelligente Gebäudetechnologie (55 Prozent) sowie in die Elektrifizierung von Gebäuden (54 Prozent) zu investieren. Gestiegen ist auch der Anteil jener, die meinen, die Technologien zur Erzeugung erneuerbarer Energien vor Ort und zur Elektrifizierung von Heizung und Kühlung seien ausgereift bzw. weit fortgeschritten. Konkret auf 41 bzw. zweimal 39 Prozent (von 29, 30 und 37 Prozent noch vor zwei Jahren).

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Verschiebungen im Prioritätenranking der Unternehmen: Energieeffizienz und erneuerbare Erzeugung rücken im Gebäudebereich ganz nach oben.

- © Siemens, 2025

Dekarbonisierung: Wirtschaft und Politik im Gleichklang

„Wir verfolgen einen stufenweisen Ansatz“, erklärt einer der Befragten. „Reduktion des Energieverbrauchs, so schnell wie möglich, dann Elektrifizierung der Infrastruktur und schließlich Bemühungen in Richtung 100 Prozent erneuerbarer Energie. So lässt sich das Ziel einer vollständigen Dekarbonisierung leichter in die Praxis umsetzen.“ Unternehmen und Politik verfolgen damit letztlich die gleichen Ziele. Was dem einzelnen Betrieb nützt, ist auch der Gesellschaft, der Energiewende und dem Klimaschutz dienlich. 

Ein jüngst erschienener UN-Report zeigt auf, dass der Gebäudesektor die globalen Treibhausgas-Emissionen bis 2035 um elf Prozent reduzieren könnte. „Das ist, als würde man eine Milliarde Autos für ein Jahr von den Straßen verbannen“, verdeutlicht Cristina Gamboa, CEO der gemeinnützigen Organisation World Green Building Council.

Die binneneuropäische Wahrnehmung, die Union sei allein auf weiter Flur, wenn es um Regulierung in diesen Bereich geht (Stichwort Energy Performance of Buildings Directive), entspricht nicht ganz den Tatsachen: US-amerikanische Städte wie New York oder Seattle schreiben die vollständige Dekarbonisierung größerer Gebäude bis 2050 vor. Und in Südkorea werden die Green-Building-Standards alle fünf Jahre automatisch verschärft.

Sonderausgabe: Sonne, Strom & Speicher

Im neuen Extrablatt "Sonne, Strom & Speicher" in Kooperation mit unserem Schwesternmagazin Elektropraxis geht es um die erneuerbare Elektrifizierung von Gebäude und Mobilität – und Sie können kostenlos hineinlesen! 

Diese Inhalte sind dabei: 

  • Stromspeicher‐Inspektion 2026: Welche Produkte stehen am Stockerl?
  • Wachstumsmärkte: Zahlen zu PV‐Installation und E‐Autozulassung
  • Intersolar 2026: Gewerbespeicher im Fokus
  • C&I: Sunlumo-CEO Robert Buchinger über das Herzstück der erneuerbaren Elektrifizierung
  • Gerhard Rimpler, my-PV: „Eigenverbrauchsoptimierung ist das Gebot der Stunde“
  • Skalierbare Lösungen: Sonnenkraft für die Landwirtschaft
  • Studie: Was Batteriespeicher wirklich bringen
  • Förderungen & der Fiskus: Wie sind Subventionen steuerlich zu behandeln?
  • uvm.!
Sonne Strom und Speicher
© Forum Industriemedien

Potenziale der „Gebäudewende“ berechnet

Brandneu ist eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung zur „Gebäudewende“ durch Elektrifizierung und Digitalisierung. Die Untersuchung wurde vom deutschen Verband der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) in Auftrag gegeben.

Sie beinhaltete eine Mikroanalyse, bei der die technischen Einsparpotenziale unterschiedlicher Technologien anhand repräsentativer Modellgebäude quantifiziert wurden. In der Makroanalyse wurden die identifizierten Potenziale anschließend auf den gesamten Gebäudebestand hochgerechnet und bewertet. Ergänzt wurde dies durch eine Berechnung der Wirtschaftlichkeit im Lebenszyklus (TCO = Total Cost of Ownership).

Zu den berücksichtigten Technologien zählten unter anderem:

Am Beispiel eines Einfamilienhauses ergab die Mikroanalyse eine Erhöhung des PV-Eigenverbrauchs von 36 auf 68 Prozent. Vorausgesetzt, Energiemanagement kam zum Einsatz – in Kombination mit bidirektionalem Laden des Elektroautos.

Durch Energiemanagement und bidirektionales Laden lässt sich der PV-Eigenverbrauch im Einfamilienhaus der Effizienzklasse C von 36 auf 68 Prozent steigern.

- © ZVEI/Fraunhofer ISI, 2026
Die ,Gebäudewende‘ ist technisch realisierbar und – stabile politische Rahmenbedingungen vorausgesetzt – wirtschaftlich tragfähig.
Sebastian Treptow, ZVEI

Best Case statt Worst Case

„Der Vergleich der Best-Case-Szenarien über alle vier Gebäudetypen zeigte, dass die relativen Einsparpotenziale bei Wohngebäuden mit 69 Prozent beim Einfamilienhaus und mit 67 Prozent beim Mehrfamilienhaus geringfügig höher sind als bei Nichtwohngebäuden“, sagt Studien-Co-Autor Markus Fritz. Dort lagen sie bei 57 (Bürogebäude) bzw. 52 Prozent (Produktionsgebäude). Wobei Letztere mit 158 Megawattstunden pro Jahr die höchsten absoluten Einsparungspotenziale aller untersuchten Gebäudetypen aufwiesen.

>> PV auf Nichtwohngebäuden: Warum sollte die Industrie überhaupt noch auf Erneuerbare setzen?

Auch gesamtwirtschaftlich überzeugen die Technologien: „Bis 2045 könnte der Primärenergiebedarf Deutschlands um rund 210 Terawattstunden jährlich gesenkt werden“, weiß Sebastian Treptow, ZVEI-Bereichsleiter Gebäude. „Das entspricht dem Bedarf Irlands.“ Die Studie liefert einen klaren Befund für Planer*innen und Entscheider*innen: Die skizzierten Potenziale erweisen sich nicht nur als technisch realisierbar, sondern auch als wirtschaftlich tragfähig. Nachsatz Treptows: „Vorausgesetzt, die Umsetzung erfolgt schnell und unter stabilen Rahmenbedingungen.“

Mit den Rahmenbedingungen gemeint: Effizienzstandards, Fördersysteme sowie europäische und nationale Gesetze. „Die EPBD-Richtlinie bietet den regulatorischen Rahmen für die Transformation des Gebäudebestands. Entscheidend für ihre Umsetzung ist Verlässlichkeit: Häufige Novellen und Anpassungen verunsichern Investoren und verzögern Modernisierungsentscheidungen.“ Frühzeitige Investitionen zahlen sich jedenfalls aus: Wer heute handelt, kann langfristig sparen.

Das ist Fakt

 

Der österreichische Gebäudesektor verursacht jährliche CO₂-Emissionen von 8 Millionen Tonnen. Mehr als drei Viertel der Bestandsgebäude wurden vor 1990 gebaut. Sie gelten laut Statistik Austria zu 60 Prozent als sanierungsbedürftig aus energetischer Sicht. 

Wer die Energieeffizienz steigert, verringert den Endenergieverbrauch. Wer den Eigenverbrauch selbsterzeugter erneuerbarer Energie erhöht, spart damit noch zusätzliche Kosten.

Durch energetische Sanierungen des Gebäudebestands lassen sich CO₂ und Energie sparen.
Durch energetische Sanierungen des Gebäudebestands lassen sich CO₂ und Energie sparen. - © AIT, 2022

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