Kommentar : Warum es wieder „in“ ist, auf eine Messe zu gehen
Kaum eine Branche wurde von Corona so hart getroffen wie die Messeveranstalter: Von einem Tag auf den anderen herrschte Stillstand in den Hallen, in denen sich jahrelang tausende Menschen gedrängt hatten. Als Notlösung wurden verschiedene digitale Messeformate entwickelt, die sich als schwacher Ersatz für den intensiven persönlichen Kontakt auf einer Messe herausstellten. Erst nach und nach konnte wieder an reale, physische Veranstaltungen gedacht werden, meist unter mehr oder weniger strengen Hygieneauflagen.
Die Aussteller waren anfangs zurückhaltend, so mancher internationaler Konzern ging aus lauter Vorsicht überhaupt gleich komplett in die Defensive und verbot Messeteilnahmen seiner Mitarbeitenden gänzlich; auch die Besucher*innen blieben häufig fern, denn in der beginnenden Sonderkonjunktur ab 2021 hatten sie ohnehin mehr als alle Hände voll damit zu tun, das Geschäft am Laufen zu halten – Lieferschwierigkeiten, Personalmangel und ein plötzlich auf alle einprasselnder Nachfrageschub aus allen Richtungen ließen keine Zeit dafür, seine Lieferanten auf einer Messe zu besuchen.
Erst nach und nach sickerte wieder ins Bewusstsein, was man davor an dem Trubel in den Hallen so geschätzt hatte: Geplantes und ungeplantes Netzwerken, zahllose Kontaktmöglichkeiten auf engstem Raum, Stammkund*innenpflege und Neuakquise im nahtlosen Wechselspiel, neue Ideen und Geschäftsmöglichkeiten an jedem Eck – etablierte Messen erholten sich und zeigten bei Ausstellerbuchungen und Besuch wieder ein Plus.
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Reed Exhibitions und die Erben
Doch die Folgen waren auch strukturell zu spüren, besonders in Österreich. Hier musste sich der Platzhirsch Reed Exhibitions, der sich zwischendurch sogar den dynamischen neuen Namen RX zugelegt hatte, komplett aus dem Markt zurückziehen. Aus dem Portfolio des führenden Veranstalters holten sich gleich mehrere Gesellschaften die Filetstücke heraus. In Salzburg übernahm im Juli 2024 ein Konsortium aus Land, Stadt und Wirtschaftskammer das Messezentrum samt einem Teil der von RX Salzburg veranstalteten Messen.
Der Betrieb des Wiener Messezentrums ging Anfang 2025 an ein Tochterunternehmen der städtischen Wien Holding namens WSE (Wiener Standortentwicklung), während etliche der von Reed in Wien etablierten Messemarken von den Austrian Exhibition Experts (AEE) übernommen und weitergeführt wurden.
In der Gebäudetechnik am bekanntesten ist mittlerweile JU.connects, das Unternehmen von Thomas P. Jungreithmair. Der Sohn des langjährigen Reed-Geschäftsführers hat sich mit seinem Team einen Namen als Dienstleister für Kundenevents wie die Rexel Expo oder den Sonepar Partnertreff gemacht. Im Frühjahr 2025 zeigte JU.connects mit der E-nnovation Austria, dass auch eine Branchenfachmesse für die Elektro- und Gebäudetechnik wieder eine Chance am Messemarkt hat.
Wachstum von Italien bis Usbekistan
Dass das Geschäft mit dem persönlichen Treffen wieder im Aufschwung ist, zeigt sich auch international. Bei der geäudetechnischen Weltleitmesse ISH in Frank- furt wurden 2025 erstmals wieder über 160.000 Besucher*innen verzeichnet. Doch nicht nur am eigenen Standort begann die Messe Frankfurt wieder stärker Fuß zufassen: Mit der Etablierung neuer Gebäudetechnik-Messen in Usbekistan und in Italien ließ der Messeriese aufhorchen. Wer schon immer mal nach Taschkent wollte, hat von 20. bis 22. Mai 2026 bei der „Intelligent Building Expo“ Gelegenheit dazu, einen exotischen Standort zu besuchen. Konventioneller ist da schon die FESI (Fiera dell'Edificio Sostenibile e Integrato = Messe für nachhaltiges und integriertes Bauen), die im Oktober ebenfalls unter der Patronanz der Frankfurter in Bologna stattfand.
Die Latte liegt wieder höher
Zurück nach Österreich: Auch wenn nach nur einem vollen Messetag noch keine seriöse Zwischenbilanz gezogen werden kann, zeigt die aktuelle Frauenthal Expo, dass ein klassisches Messekonzept und guter Zustrom an Besucher*innen auch 2026 gut zusammenpassen. Von dem 30-prozentigen Anmeldungszuwachs waren selbst die dortigen Messeverantwortlichen überrascht, die eher mit einem geringeren Besuch als 2024 gerechnet hätten. Die Erwartungshaltung für die in wenigen Wochen stattfindende Energiesparmesse Wels liegt damit noch ein Stück höher. Ob es sich für ausstellende Firmen und für die Besucher*innen ausgezahlt hat, wird man erst im Nachhinein sehen können. Aber der Eindruck bleibt: Trotz Digitalisierung ist es nach Corona wieder „in“, auf eine Messe zu gehen.