Hitzewelle : Nachtlüftung wird im Sommer nicht mehr reichen

Roland Hebbel, Geschäftsführer Steinbacher Dämmstoffe

Roland Hebbel, Geschäftsführer Steinbacher Dämmstoffe

- © Florian Mitterer

TGA: Ein Steinbacher-Slogan lautet „Wir kämpfen um jedes Grad“. Normalerweise denkt man dabei an Wärmedämmung im Winter, aber diesmal soll es um das Gegenteil gehen. Der nächste heiße Sommer steht bevor: Welche Rolle spielt die Dämmung bei der Reduktion des Kühlbedarfs in Gebäuden?

Roland Hebbel: Der entscheidende Faktor zur Eindämmung des sommerlichen Wärmeeintrags ist die Beschattung der transparenten Fenster- und Türflächen. Aber auch die thermische Ausrüstung der Gebäudehülle hat einen entsprechenden Anteil, denn Wärme fließt immer dorthin, wo die Temperatur niedriger ist. Im Winter von innen nach außen, im Sommer umgekehrt von außen nach innen. Umso besser die Dämmung der Hülle – und damit meine ich Fassade, Dach, Fenster und Türen –, desto weniger schnell fließt die Wärme. Daher ist Dämmung ein wirksamer Hebel zur Eindämmung des steigenden Kühlbedarfs.

Wo fällt dieser Kühlbedarf ganz besonders an? Welche Regionen benötigen die Dämmung mehr als andere?

Hebbel: In den Ballungszentren reicht es schon jetzt nicht mehr, in der Nacht die Fenster aufzumachen, denn die Zahl der Tropennächte mit Temperaturen über 20 Grad steigt jährlich an. In alpinen Regionen wie bei uns in Tirol ist das noch weniger ein Thema, da geht es noch stärker um Wärmedämmung für den Winter. Aber 33 Grad im Sommer machen auch eine Stadt wie Innsbruck nicht mehr lebenswert.

Welchen Unterschied gibt es dabei zwischen Wohn- und Nutzbauten?

Hebbel: Bürogebäude mit vielen Glasflächen sind ein besonders großes Problem, eine außenliegende Beschattung ist hier obligatorisch. Zusätzlich sollten die nicht transparenten Bauteile über eine ausgezeichnete Dämmqualität verfügen, denn Gebäude dieser Arten werden immer technisch gekühlt.

>> Sie wollen Interviews mit Brancheninsider*innen als erste*r lesen? Abonnieren Sie unsere TGA-Newsletter: Hier geht’s zur Anmeldung!

Es wird Kühlung brauchen, man kann nicht ohne Abstriche für den Komfort der Nutzer*innen auf jegliche Technik verzichten.

Heizung und Kühlung trotz guter Dämmung notwendig

Es gibt den alten Spruch der Passivhausbewegung, wonach die Notwendigkeit von Heizung oder Kühlung im Gebäude ein Hinweis auf einen Bauschaden ist. Sie sehen das offenbar nicht so, dass es ganz ohne Heizen und Kühlen gehen könnte?

Hebbel: Bei solchen Aussagen bin ich immer vorsichtig. Aus der Dämmbranche sind Versuche bekannt, bei denen ein Eisblock in Dämmmaterialien eingepackt wurde. Dabei wurde nachgewiesen, dass über den Sommer rund 80 Prozent davon übrig bleiben. Der Vergleich hinkt aber: Im Unterschied zur realen Situation wird dabei kein Mensch als Wärme- und Feuchtequelle mitgedacht. Wir sind alle Energiespender, wir geben Wärme und Luftfeuchtigkeit ab, auch in Gebäuden. Daher ist es fatal zu suggerieren, dass man mit guter Dämmung keine Heizung und keine Kühlung braucht.

Über Bürogebäude haben wir schon gesprochen, aber wie sehen Sie die Situation in Wohngebäuden?

Hebbel: Hier gibt es ganz unterschiedliche Bausituationen. Wenn ich mir 150 Jahre alte Gründerzeithäuser ansehe, sind die im Sommer kühler als Nachkriegsbauten: Die dicken Wände haben auch ohne Wärmedämmung einfach mehr Masse und somit ein günstigeres Verhalten gegen sommerliche Überwärmung. Heute kann sommerlicher Wärmeschutz geplant werden und die Gebäudeteile verfügen über eine entsprechende Dämmqualität. Aber insgesamt gilt, dass die Nachtlüftung alleine in den Sommern der Zukunft nicht reichen wird, um die Behaglichkeit in Wohnräume komfortabel zu halten. Es wird Kühlung brauchen, man kann nicht ohne Abstriche für den Komfort der Nutzer*innen auf jegliche Technik verzichten. Dazu werden die Temperaturunterschiede einfach zu groß.

Cool Buildings: Sonderausgabe zu Gebäudekühlung

Im neuen TGA Extrablatt "Cool Buildings" geht es um Gebäudekühlung in all ihren Formen – und Sie können kostenlos hineinlesen! 

Diese Inhalte sind dabei: 

  • Wachstumsmarkt Klima-Split-Geräte: Wie viele 2025 verkauft wurden
  • Österreich muss kühlen – aber wie?
  • Entbürokratisierung der Kältetechnik
  • Wie Kekelit vom Rohr zum Flächenkühlsystem kam
  • Nachtlüftung wir im Sommer nicht mehr reichen
  • Die Kühlung der Zukunft ist wassergeführt
  • Warum Hotels bei Klimatisierung und Dekarbonisierung dringenden Handlungsbedarf haben
  • Klimakälte heute – was daran neu ist
  • uvm.!
TGA Cool Buildings
© Forum Industriemedien
Zuerst müsste die Gebäudehülle gemacht werden. Und erst wenn eine Senkung des Heizwärmebedarfs nachgewiesen wird, gibt es Förderung für den Einsatz erneuerbarer Energieträger.

Dämmung vor Heizungstausch

Im Februar wurde die Förderung für die thermische Sanierung zugunsten des Kesseltauschs gestrichen: Wie bewerten Sie das, auch aus Sicht des Kühlbedarfs?

Hebbel: Ich erlebe seit 30 Jahren die gleichen Verhaltensmuster: Zuerst soll der Kessel getauscht werden, und erst dann kommt die Verbesserung der Gebäudehülle dran. Damit wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Wenn ich zuerst die Hülle mache, brauche ich hinterher weniger Energie für Heizen und Kühlen und kann die Heizung gleich richtig dimensionieren. Im Detail ist mir aber egal, in welche Richtung die Förderungen gehen: Man müsste nur die Menschen abholen, indem man sie richtig informiert! 

>> Österreich: Ein Fünftel hat eine Klimaanlage

Welche Förderungslandschaft wünschen Sie sich?

Hebbel: Zuerst müsste die Gebäudehülle gemacht werden. Und erst wenn eine Senkung des Heizwärmebedarfs nachgewiesen wird, gibt es Förderung für den Einsatz erneuerbarer Energieträger. Das kann auch degressiv sein. Ich erinnere daran, wie gut im Automobilbereich die Umstellung auf Katalysatoren ab den 1980ern funktioniert hat. Anfangs ist der Einbau von Katalysatoren in bestehende Autos bezahlt worden, dann war bei neuen PKWs der Katalysator automatisch mit drinnen, bei den Mehrkosten wurde man vom Staat ein wenig unterstützt. Und am Ende ist man über die Treibstoffkosten quasi bestraft worden, wenn man keinen hatte, was die letzte Motivation zur Umstellung gebracht hat. Begleitet wurde das von umfassender Information. Ähnlich könnte das auch bei Gebäuden gemacht werden: Es geht um wirksame CO₂-Reduktion. Dafür müssen wir bei den genutzten Energieträgern etwas ändern, aber vor allem weniger Energie verbrauchen.

"Snow-Farming" bei Steinbacher

- © Steinbacher

Lehren aus dem "Snow-Farming"

Worin sehen Sie die größte Hürde dabei, diese Erkenntnis im Gebäudesektor umzusetzen?

Hebbel: Wir haben auf der einen Seite Bauträger, Baufirmen und Planer für die Errichtung – und auf der anderen die Personen, die die Gebäude nutzen. Letztere tragen die Betriebskosten, aber sie haben in der Bauphase keinen Einfluss auf die Entscheidungen, wie diese Betriebskosten später aussehen. Und die Bauherren haben vor allem Interesse daran, günstig zu bauen.

Ist das Thema Kühlbedarf bei den Entscheidungsträgern am Bau schon angekommen?

Hebbel: In der breiten Masse noch nicht. In der Sanierung wird meist bloß mit einzelnen Klimageräten nachgerüstet oder eine Kühldecke angebracht, aber der gesamtheitliche Ansatz fehlt noch. Im Neubau ist das schon etwas anders, aber auch hier gilt, was ich vorhin gesagt habe: Der Errichter nutzt das Gebäude nicht selber, daher werden die Folgen für die Betriebskosten noch zu wenig mitgedacht. Im Süden ist das längst anders: Sie werden in Spanien oder Marokko wenig Bürogebäude finden, das mit einer Glasfassade errichtet wird. Die wissen schon, warum. Das entwickelt sich bei uns erst langsam, dazu müssen wir noch viel mehr Information in die breite Masse tragen.

Sie haben auch ein in der Gebäudetechnik wenig bekanntes Geschäftsfeld namens „Snow-Farming“, wo es um die Kältepräservierung von Schneedepots für Skigebiete geht: Lässt sich dieses Know-how auch auf die Gebäudedämmung übertragen?

Hebbel: Indirekt schon. Die Projekte wurden in der Entwicklung auch wissenschaftlich begleitet. Wir sehen, dass wir je nach Hanglage, Seehöhe und so weiter bis zu 87 Prozent des Schneevolumens über den Sommer erhalten können. Die Erkenntnis ist, dass es nicht nur um Dämmung, sondern auch um den Erhalt der Feuchtigkeit geht, sowie um die Abhaltung der Niederschläge. Der Regen führt verschmutzte Partikel mit, abgelagert auf dem Schnee werden die Verluste zusätzlich erhöht. Das sind Erkenntnisse für die Gebäudetechnik: Die Vermeidung direkter Sonneneinstrahlung, die richtige Luftfeuchtigkeit und Lufthygiene machen einen großen Unterschied aus. Aber der entscheidende Faktor ist der Dämmstandard.

Sie wollen mehr?