Nachhaltige Gebäudekühlung : Klimaanlage ohne Installation: Social Cooling kurz vor Markteintritt
Das Social Cooling Kernteam: CIO Ben Assa, Gründer und CEO Philippe Schmit und CTO Alireza Eslamian (v.l.n.r.)
- © Alexander Wieselthaler || Stills & EmotionsEs passiert nicht oft, dass man ein gebäudetechnisches Start-up im österreichischen Fernsehen sieht. Social Cooling – kürzlich unbenannt in So.Cool – hat das geschafft: Gründer und Jungunternehmer Philippe Schmit konnte seine installationsfreie Klimaanlage am 24. März bei der Puls 4-show "2 Minuten 2 Millionen" pitchen – mit Erfolg. Und Laudatio: Investor Erich Falkensteiner nannte Schmit einen "pfiffigen Teufel", in der begleitenden Marketagent-Studie rund um Start-ups konnte So.Cool. sogar den ersten Platz belegen.
Das Wiener Start-up spricht eine der großen Herausforderungen der Gebäudeentwicklung an: Laut einer Studie der BOKU könnte sich der Kühlbedarf in Österreich bis 2050 mehr als verdoppeln. Den größten Anteil daran hätten Wohngebäude, die rund zwei Drittel des gesamten Kältebedarfs ausmachen, während etwa ein Drittel auf Büroflächen entfällt. Auch die sogenannten Kühlgradtage – ein Maß dafür, wie häufig und wie stark Temperaturen über einem Schwellenwert liegen, ab dem Kühlung erforderlich wird – dürften deutlich zunehmen. Der Studie zufolge ist österreichweit mit einem Anstieg von über 40 Prozent im Vergleich zum heutigen Niveau zu rechnen.
Genau in diesen Kontext tritt So.Cool.: Mit einer Plug-and-Play Klimaanlage möchte es die bestehenden Kühlkonzepte am Markt ergänzen – und möglicherweise ersetzen. Wie weit das Start-up im Oktober 2025, ein Jahr nach dem letzten TGA-Interview mit seiner Technologie war, und wann mit dem Markteintritt zu rechnen ist.
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Kern der Kühlungstechnologie: Ein eigenes Phasenwechselmaterial
Etwa zweieinhalb Jahre nach den ersten Konzepten hat das Start-up seine Technologie nochmals grundlegend überarbeitet und auch personell umstrukturiert. Heute arbeitet ein interdisziplinäres Team rund um Gründer und Jurist Philippe Schmit, der mit Social Cooling abseits seines Studienabschlusses seine Passion gefunden hat. Mitgründer und Physiker Ben Assa und neu auch Universitätsprofessor und Thermodynamik-Experte Alireza Eslamian sowie Simulationsexperte Alireza Jafarinia komplettieren das Kernteam.
„Zusammen haben wir in Wien in unserem Workshop das gesamte Produkt von damals nochmal neu definiert. Bei unserem letzten Gespräch haben wir noch mit Terrakotta-Rohren gearbeitet. Das würde zwar funktionieren, aber wir haben die Technologie jetzt nochmal anders optimiert", wie Schmit zusammenfasst. Den sogenannten "Concept Freeze", bei dem das grundlegende Konzept quasi eingefroren wird, hat das Start-up für seine mobile Klimatechnologie namens TerraBreeze inzwischen erreicht.
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Das finale System benötigt laut Unternehmen 40 Prozent weniger Strom als vergleichbare Geräte, eignet sich aktuell für Räume bis etwa 50 m² und erreicht eine Kühlleistung von rund 12.000 BTU, bzw. eine Kühlungskapazität von 3,5 kWh. Die Besonderheit: Das Klimagerät arbeitet ohne bauliche Eingriffe oder externe Abluftführung und nutzt eigens entwickelte Phasenwechselmaterialien zur Wärmespeicherung. Diese Materialien nehmen während des Tages überschüssige Wärme auf und geben sie in der Nacht als latente Wärme in Form von Feuchtigkeit wieder ab.
In der jetzigen Ausführung eignet sich TerraBreeze besonders für Büros. „Die Wärme muss immer irgendwo hin. Wir fangen sie in Phasenwechselmaterialien, die wir selbst entwickelt und auf Wärmekapazität und Wärmeleitung optimiert haben, tagsüber auf. In Büroräumlichkeiten, wo in der Nacht oder ab einer gewissen Zeit niemand mehr da ist, geben wir die Wärme wieder zurück in den Raum", erklärt der Social Cooling-Gründer.
Natürlich sorge man in der Nacht nicht für tropischen Klimaverhältnisse im Raum, aber das System muss die gespeicherte Wärme eben auch wieder abgeben, um am nächsten Tag erneut kühlen zu können. So kann Kühlleistung ohne die typischen Energie- und Installationskosten klassischer Systeme bereitgestellt werden. An der Hardware wird noch getüftelt, deshalb muss aktuell noch regelmäßiges Lüften mit der Technologie einhergehen. „Gott sei Dank ist in Deutschland und Österreich das Stoßlüften ja Volkssport", schmunzelt Schmit. Im nächsten Schritt soll noch eine Software folgen, mit der nicht mehr aktiv gelüftet werden muss.
In der Nacht oder wenn niemand mehr da ist, geben wir die Wärme wieder zurück in den Raum.Philippe Schmit, Social Cooling
Klimaanlage in Schuhschrank-Größe
Nach mehreren Iterationen hat das Team nun einen Prototyp, der rund 1,5 Meter in der Höhe misst – etwa so groß wie ein PAX-Schrank von Ikea – die Serienversion soll auf kompakte 90 Zentimeter Höhe, 40 Zentimeter Tiefe und 60 Zentimeter Breite – und damit Schuhschrank-Größe – schrumpfen. „Für den Prototypen haben wir Wärmetauscher benutzt, die wir einfach so gekauft haben, weil sie gerade gut erhältlich waren und unseren Bedingungen entsprochen haben. Um sie einzubauen, haben wir das Modell erhöht oder vergrößert, anstatt aufzuschneiden, neu zu schweißen, zu löten und dann wieder Effizienz und Zeit zu verlieren", führt Schmit Unterschiede zwischen dem Prototyp und finalen Serienprodukt aus.
>> Gut für die Gesundheit: Mittlere Luftfeuchte
Die Funktionalität des Prototyps konnte das Start-up im Juni erstmals öffentlich demonstrieren. Bei einem Demo Day wurde das Gerät unter realen Bedingungen getestet. „Das Produkt war tatsächlich 30 Sekunden vor dem Demo Day fertig“, erinnert sich der Gründer. Innerhalb von zwölf Minuten senkte das System die Temperatur im Raum um 1,2 Grad und die Luftfeuchtigkeit um zehn Prozent – zwei entscheidende Parameter für thermischen Komfort. „Kühlen tut man über Feuchtigkeitsentzug und über Temperatursenkung und wir haben beides validiert. Wir waren auch selbst aufgeregt und verschwitzt, dass wir trotzdem so viel kühlen und Feuchtigkeit entziehen konnten, war wirklich gut."
Technisches Gutachten für das Kühlkonzept
Einen weiteren Meilenstein für So.Cool. markierte ein technisches Gutachten des Wiener Institute of Building Research & Innovation (IBR&I). „Das Institut ist selbst auf uns zugekommen, weil sie an einem Hitzeaktionsplan gearbeitet und allgemein für nachhaltige Klimaanlagen gesucht haben", so Schmit. In einem 130-seitigen technischen Dossier legte das So.Cool.-Team sein Konzept offen, das Institut bestätigte daraufhin die technische Plausibilität des Ansatzes. Offene Punkte gab es in den Bereichen Design und Feuchtigkeitsmanagement – jedoch nicht am Konzept selbst. „Anstatt zu hören, Philippe, das kannst du nicht bauen, das funktioniert so nicht, haben Fachleute die Funktionsweise bestätigt", freut sich der Gründer. Übrig bleiben würden somit "nur noch Hardware-Probleme".
Wir brauchen weniger Wartung als eine Multi Split-Klimaanlage.Philippe Schmit, Social Cooling
Investments auch aus der HLK-Branche
Mit seinem Konzept punktet das Start-up nicht nur in der Forschung, sondern auch bei Investoren. Social Cooling konnte sich ein Pre-Seed-Investment von mehr als 400.000 Euro sichern. Damit soll eine eigene Werkstatt aufgebaut werden, die die bisherige Arbeit in geteilten Räumlichkeiten ablöst. Außerdem fließt das Investment in weitere Produktiterationen und die Teamfinanzierung.
Auf Investorenseite ist die Nähe zur Gebäudetechnikbranche erkennbar: Einer der Kapitalgeber ist die Sabiatech Energietechnik, spezialisiert auf die Planung und Projektierung von Heiz- und Kühlsystemen für Industrie- und Geschäftsräume. Gemeinsam mit diesem Partner will Social Cooling künftig auch Wartung und Service abhandeln. „Wir brauchen zwar weniger Wartung als eine Multi Split-Klimaanlage, weil wir keine Erosion von draußen haben, hier und da muss aber trotzdem etwas repariert werden und dafür braucht es Fachpersonal", weiß Schmit.
Angefangen mit Pitches beim Forum Alpbach, dem weXelerate Demo Day, über die Absolvierung des luxemburgischen Fit 4 Start-Beschleunigungsprogramms bis hin zum Gewinn von Greenstart 2024, der Startup-Initiative des Klima- und Energiefonds und der Auszeichnung als Rising Star des Jahres beim EY Scale-up Award 2025 und macht Social Cooling auch außerhalb der Start-up-Szene mit TerraBreeze von sich reden.
Pilotprojekte in Arbeit
Wenn Konzept und Kapital stimmen, ist der nächste Schritt logisch: Feldtests in mehreren Büros und Gebäuden, jeweils über ein bis zwei Wochen im September und Oktober. Neben Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Stromverbrauch wird dabei auch auf den subjektiven Komfort der Nutzer*innen geachtet. Partner für diese Testphasen sind unter anderem die Stadt Wien, die Energie Steiermark und zwei Luxemburger Gemeinden.
Für Nutzer*innenkomfort wird künftig auch eine selbst entwickelte Steuerung sorgen: Sie soll einerseits die Abgabe der gespeicherten Wärme besser timen, sodass diese in kürzeren Taktungen funktioniert, aber auch mit einer Software-Schnittstelle versehen werden. So kann auf Kalenderdaten zugegriffen werden, damit die Geräte erkennen, wann ein Raum genutzt wird und sich entsprechend vorbereiten.
Wir haben Vorbestellungen für eine halbe Million Euro in der Pipeline.Philippe Schmit, Social Cooling
Auslieferung ab Sommer 2026
Parallel bereitet sich Social Cooling für die Kleinserienfertigung mit der Stiwa Gruppe in Linz vor. Denn der Zeitplan ist ambitioniert: Im November soll das finale Design von TerraBreeze stehen, im Frühjahr 2026* startet die Produktion. „Ab dem Moment, wo wir die Validierung der Pilotprojekte haben, haben wir noch zwei Produktiterationen vor uns", so Schmit. Der Markteintritt erfolgt gestaffelt: Ein „Mini-Markeintritt“ noch im laufenden Jahr, die breitere Einführung dann ab dem Sommer 2026. „2026 ist unser Ziel 50 Produkte im Sommer in den Umlauf zu bekommen, aber im Ganzen 400 zu verkaufen." Grund für das Vorgehen sei, dass man mit kleinen Serien starten wolle, um den Prozess zu festigen und die Produktion dann hochzufahren.
Interesse ist laut Schmit jedenfalls genug da: „Wir haben schon mit Sales und Vorbestellungen angefangen und Vorbestellungen für eine halbe Million Euro in der Pipeline, die quasi alle nur darauf warten, dass das Produkt jetzt einmal getestet wird." Man merke, dass die Nachfrage gigantisch sei, „wenn wir ohne fertiges Produkt auf dem Markt schon als unbekanntes Start-up so viele Vorbestellungen haben, ist das ist ein starkes Signal vom Markt".
Was den Preis betrifft, will das Start-up dem "social" im Namen treu bleiben. Für die bereits getätigten Vorbestellungen bleibt der Preis wie anfangs geplant bei 3.000 Euro pro Stück. „Dadurch, dass wir unsere Arbeit größtenteils über Förderungen und Investoren und Umsätze für die Entwicklungsphase finanzieren, können wir es uns erlauben, jetzt mal die 3.000 Euro beizubehalten", freut sich der Social Cooling-Gründer. Danach werde der Preis voraussichtlich auf 3.800 bis 3.900 Euro steigen, jedoch in der Hoffnung, dass Skaleneffekte den Preis mittelfristig wieder senken.
*Anmerkung der Redaktion: Im März 2026 steht auf der So.Cool.-Website, dass die Lieferung für 2027 geplant ist.