Kommentar : Nicht Reagieren, sondern Agieren

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Möglicherweise mache ich mich mit meinen Worten nicht beliebt. Aber überall liest und hört man, wie schwierig die aktuelle Lage ist. In Fachzeitschriften und anderen Medien dominieren negative Meldungen. Es wird laut gerufen, was man sich von der neuen Regierung erwartet und welche Förderungen wir brauchen: All das ist richtig. 

Aber ich bin der Meinung, dass wir endlich anfangen sollten, nicht immer nur nach außen zu schauen, über unsere Erwartungen an Politik zu sprechen und über das schwierige wirtschaftliche Umfeld zu berichten. Wir sollten zuerst die Innen-Sichtweise überdenken. Die „Außen-Erwartungen“, wie ich sie nennen möchte, können wir nur schwer beeinflussen. Daher sollten wir bei uns selbst anfangen, etwas zu ändern. Nicht Reagieren, sondern Agieren wäre ein Anfang. 

Als langjähriger Geschäftsführer des Traditionsunternehmens Kollar Bad.Heizung.Solar in Lilienfeld habe ich bereits damit begonnen. Der Installationsbetrieb mit 150-jähriger Geschichte wird mittlerweile von meiner Tochter Maria Kollar gemeinsam mit Franz Kessel geführt: Sie hat in den 13 Jahren, seit sie den Betrieb übernommen hat, in ihrer Geschäftsführungsverantwortung viele Dinge im Betrieb angestoßen und umgesetzt, die ich mit ihrer Unterstützung im Folgenden beschreiben möchte.

Wir hören ständig von Veränderungen im „Außen“ – wie Corona, Klima-Krise, Ukraine, Energiekrise, KI etc. Dass nicht zuletzt deshalb Veränderungen notwendig sind, ist wahrscheinlich vielen klar. Und trotzdem wollen wir Menschen, dass alles so bleibt, wie es ist. Besonders Handwerker und eben auch Installateure sind eher veränderungsresistent. Aber unser Hausverstand sagt uns, dass Wirtschaften wie bisher keine Option mehr ist. Daher sollten wir Veränderung als eine Chance sehen, ganz im Sinne von John W. Gardner, der gesagt hat: 

Vor uns liegen atemberaubende Möglichkeiten, die als unlösbare Probleme getarnt sind!
John W. Gardner

Nachstehend möchte ich einige der bekannten Problembereiche aufzeigen und mögliche neue Lösungsansätze, die sich in unserem Unternehmen bewährt haben:

1. Fachkräftemangel

Alter Ansatz: 

Mitarbeiter sind schwer zu finden, unzuverlässig, anstrengend, teuer!

Neuer Ansatz: 

Nur durch unser Denken können wir auch unser Handeln beeinflussen. Die richtigen Menschen sind zu richtigen Zeit verfügbar, sie sind vertrauenswürdig, sie sind großartig. Unsere Maßnahmen zum Thema Vertrauen und Eigenverantwortung basierten auf völliger Transparenz der Zahlen, zu jeder Baustelle im Einzelnen, aber auch zur Gesamtsituation des Unternehmens. Wir leben einen äußerst hohen Grad an Selbstführung, Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit. Viele Teammitglieder denken wie Unternehmer. Sie handeln aus Eigenmotivation heraus und haben die nötigen Informationen, um selbst zu entscheiden. 

Wir leben keine oder nur marginale Hierarchien. Diese sind, wenn vorhanden, dann Kompetenz- und Projekt-basierend. Sprich: Wer nahe am Geschehen ist, entscheidet. Darüber hinaus bieten wir maximale Flexibilität bei Arbeitsmodellen: Vollzeit, Teilzeit, 4-Tage-Woche, 3 Tage, Gleitzeit, Elternzeit, Remote-Arbeit und mehr. Und wir schaffen Raum für persönliche Entwicklung: Mindset-Coachings, Kommunikationsworkshops auf Augenhöhe, Weiterbildungen zu Ernährung, Gesundheit, künstlicher Intelligenz usw.

Warum? Das Wachstum unseres Unternehmens ist direkt mit dem Wachstum der Menschen verbunden. Je mehr sie in Bezug auf Freude, Zusammenarbeit, Sinnhaftigkeit und Wissen wachsen, desto erfolgreicher wird das Unternehmen.

>>> Fachkräftemangel in der Gebäudetechnik: "Fachkraft gesucht" - Und jetzt? 

2. Energie-Strategie

Alter Ansatz:

Ein einzelnes Unternehmen kann ohnehin nichts ausrichten.

Neuer Ansatz: 

Wir haben uns vor über 35 Jahren völlig auf erneuerbare Energien spezialisiert, als noch keiner etwas davon wissen wollte. Wir haben 1980 eine der ersten thermischen Solaranlagen und etwas später einer der ersten PV-Anlagen Österreichs errichtet. Wir haben 2008 als energieeffizientes Unternehmen in NÖ den Helios gewonnen. 

Durch viele Einzelmaßnahmen konnten wir unseren Energie- und Strombedarf wesentlich reduzieren, sodass wir für Heizung und Warmwasser nur ca. 1 €/m² pro Jahr benötigen. Wir haben in der Folge auch bei vielen Kunden energiesparende Maßnahmen umgesetzt und konnten dadurch so viel CO₂ einsparen, wie ein mittleres Kohlekraftwerk pro Jahr ausstößt. Das war und ist unsere Antwort auf die Frage, was ein einzelnes Unternehmen schon bewirken kann.

2010 wurde das erste E-Auto angeschafft, wobei mittlerweile fast der komplette Fuhrpark elektrifiziert ist, zum Teil mittels Mitarbeiter-Crowdfunding finanziert. 2024 haben wir wesentlich geringere Fuhrparkkosten mit 33 Autos als 2014 mit 26 Autos. Es war nicht sicher, ob es gut ausgeht; aber es hat sich von Anfang an richtig angefühlt und darum haben wir es einfach gemacht!

>>> Energiewende einfach erklärt: Diese Begriffe sollten Sie kennen

Mann und Frau arbeiten online am Handy und am Laptop

THEMEN UND UNTERNEHMEN FOLGEN

Ich will nichts mehr verpassen und "Meine News" einrichten.

3. Lieferanten und Partner

Alter Ansatz: 

Ich kaufe dort ein, wo es am billigsten ist.

Neuer Ansatz: 

Wir pflegen zu unseren Partnern langjährige Beziehungen. Wichtig sind für uns neben der Qualität des Produktes die Langlebigkeit, Servicetreue, österreichische oder europäische Lieferketten, Nachhaltigkeit, Zusammenarbeit auch in schwierigen Zeiten. In anderen Worten: Wir stellen eine langfristige „Win-Win“ Situation für beide Seiten in den Mittelpunkt. Das betrifft alle Bereiche des Unternehmens, und hier haben wir uns auch nicht gescheut, Änderungen vorzunehmen:

  • Strom: Wir haben bewusst auf 100 % Ökostrom gewechselt, trotz langer Geschäftsbeziehung mit einem Stromanbieter.
  • Bank: Trotz langer Geschäftsbeziehung und besseren Angebot für einen Kredit haben wir 2021 auf die im Moment noch einzige Umweltbank in Österreich gewechselt. Damit unterstützt und beschleunigt unser Geld den Ausbau von zukunftsfähigen Projekten/Prozessen. Wenn es viele machen, würde den schädlichen Projekten schlichtweg das Geld ausgehen!
  • Bilanz: Seit einigen Jahren sind wir ein Gemeinwohl bilanzierendes Unternehmen. Umso konsequenter wir unseren Weg gegangen sind, umso erfolgreicher wurde das Unternehmen auch im klassisch betriebswirtschaftlichen Sinne. Unser Eigenkapital liegt weit über Branchendurchschnitt, die Fluktuationsrate unter 5 Prozent, Return of Investment und Gewinn sind überdurchschnittlich hoch, wir bilden immer 2-4 Lehrlinge pro Jahr aus, wir beschäftigen 7 Meister im Betrieb, haben die „richtigen“ Kunden und unsere Auftragsbücher sind immer voll – und zwar unabhängig von äußeren Rahmenbedingungen.

4. Kunden und Markt

Alter Ansatz: 

Kunden bekommen alles, was von ihnen gerade gefragt wird. Das habe ich oft von Branchenkollegen gehört: Warum soll ich meine Zeit mit Erneuerbaren verschwenden, wenn es einfacher ist, eine Öl- oder Gasheizung einzubauen? Außer es kommen wieder Förderungen, die Erneuerbare attraktiver machen.

Neuer Ansatz: 

Wir übernehmen nur Kundenaufträge, die auch mit unseren Werten wie Ökologie und Nachhaltigkeit übereinstimmen. Können wir Kunden nicht für diese Werte überzeugen, sagen wir zu Aufträgen auch oft „Nein“. Ein Auftrag endet nicht nach der Inbetriebnahme und Übergabe. Durch über 4.000 Service- und Wartungsverträge sind wir wesentlich unabhängiger von Förderungen, aber auch von sonstigen äußeren Einflüssen. Wir haben dadurch langfristige Kundenbindungen aufgebaut.

Das gilt auch für den Markt: Wir reagieren nicht auf schnelle Trends, sondern versuchen, langfristige Markterfordernisse mitzubestimmen. Vor über 15 Jahren haben wir die ersten Passiv- und Niedrigstenergie-Häuser mit Komfortlüftungen geplant. Energieautarke Gebäude bzw. Plus-Energiegebäude waren seit Jahren genauso selbstverständlich wie thermische Bauteilaktivierung sowie Mitarbeit und Realisierung bei vielen Forschungsprojekten wie Holzbau-Forschung, minimalinvasive Sanierung von Wohnbauprojekten, gemeinsame Projekte in Zusammenarbeit mit EcoPlus uvm. Die daraus gewonnen Erfahrungen können wir ständig zum Wohle für unsere Kunden umsetzen.

>>> Förderberatung für Gewerbeobjekte und großvolumigen Wohnbau: Förderraum – Honorar nur bei Erfolg 

5. Wachstum ist nicht alles: Eine neue Art des Wirtschaftens

Alter Ansatz: 

Durch unser Wirtschaftssystem werden Unternehmen einseitig nach betriebswirtschaftlichen Kennzahlen beurteilt und behandelt. In der Folge werden Geschäftspraktiken gefördert, die sich durch Rücksichtslosigkeit oder Verantwortungslosigkeit auszeichnen. So wurde ein System geschaffen, in dem die Rücksicht auf Menschen und Natur nachrangig ist. Wir hören den ganzen Tag, dass eine zukunftssichere Transformation der Wirtschaft zu einem massiven Verlust an Lebensqualität und zu großen Einschränkungen in unserer Lebensweise führt.

Neuer Ansatz: 

Stellen wir uns die Frage, welches Wirtschaftssystem wir wollen und was wir – unabhängig von „Außen-Erwartungen“ im Inneren dafür tun können:

  • Was wäre, wenn die Wirtschaft in der Zukunft auf das Gemeinwohl ausgerichtet wäre? 
  • Mit Menschen und dem Planeten im Mittelpunkt? 
  • Was wäre, wenn die Dekarbonisierung gelingt und die Klimaziele erreicht werden? 
  • Was wäre, wenn Mitarbeitende in demokratischen, transparenten Organisationsstrukturen auf vielfältige Weise mitwirken könnten?
  • Und was wäre, wenn der Arbeitsplatz zu einem Ort der Entwicklung wird, der weit über bloßes Verkaufen und Produktschulungen hinausgeht?
  • Was wäre, wenn wir nicht zwischen wirtschaftlichem Erfolg, Nachhaltigkeit und Erfüllung wählen müssten?
  • Was wäre, wenn eine neue Art des Wirtschaftens vor uns läge – mit völlig neuen Spielregeln: eine Wirtschaft voller Sinn, Lebensqualität und Chancen?

Und ich habe noch nicht einmal künstliche Intelligenz erwähnt, die unser Arbeiten und Leben massiv verändern wird …

Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen!
Antoine de Saint-Exupery