BIM am Bau : Die Sehnsucht nach streitlosem Zusammenwirken wecken

Wolfgang Kradischnig ist Miteigentümer der Delta Gruppe, CEO der Delta AG und Geschäftsführer von Delta Pods Architects ZT. Er ist Vorstandsmitglied der IG Lebenszyklus Bau, der Kammer der Ziviltechniker*innen für Wien, Niederösterreich und Burgenland sowie des Verbands der Ziviltechniker- und Ingenieurbetriebe VZI. 

Wolfgang Kradischnig ist Miteigentümer der Delta Gruppe, CEO der Delta AG und Geschäftsführer von Delta Pods Architects ZT. Er ist Vorstandsmitglied der IG Lebenszyklus Bau, der Kammer der Ziviltechniker*innen für Wien, Niederösterreich und Burgenland sowie des Verbands der Ziviltechniker- und Ingenieurbetriebe VZI.  

- © Delta AG

TGA: BIM und integrale Planung zwar nur eines Ihrer vier Standbeine, neben Architektur und Innenarchitektur sowie Generalplanung – kann man dennoch sagen, dass das der USP von Delta Pods Architects ist? 

Wolfgang Kradischnig: Ja, das sehe ich auch so. Wobei BIM für uns mehr eine Haltung ist als ein IT-Hilfsmittel. Es ist die Haltung des kollaborativen, integralen Zusammenwirkens in einem Projekt mithilfe digitaler Methoden. BIM ist für uns der Kulturwandel zu einer echten Zusammenarbeit am Bau.  

Jetzt wird BIM aber doch sehr stark als IT-Tool wahrgenommen. An dem Konzept wird von vielen Seiten intensiv gearbeitet, was würden Sie als Ihren wichtigsten Beitrag sehen? 

Kradischnig: Ich denke, wir haben BIM auf einen internationalen Standard gebracht. Wir sind eine internationale Gruppe mit vielen länderübergreifenden Projekten. Unser BIM-Gedanke, die Methodik des kollaborativen Zusammenarbeitens mithilfe eines digitalen Tools als Chance für die barrierefreie Zusammenarbeit von vielen verschiedenen Beteiligten am Bau zu verbreiten: Wir haben früh erkannt, dass das ein USP von uns ist. Wenn wir das gut umsetzen, ist es ein Wettbewerbsvorteil. Natürlich sind wir nicht die einzigen, die in diese Richtung arbeiten, aber wir tun es auf sehr hohem internationalen Level. Wir haben beschlossen, selbst Standards dafür zu setzen. Darauf zu warten, dass sich internationale Normen und Standards entwickeln, dauert zu lange. 

Wie weit ist die Baubranche in Sachen digitaler Gebäudemodelle und kollaborativer Zusammenarbeit in der Praxis? 

Kradischnig: Damit legen Sie einen Finger in eine offene Wunde. Es ist nicht durchgängig so am Markt, dass Sie in allen Gewerken entsprechend fitte Kooperationspartner finden. Wir als Delta haben uns daher für eine breitere Aufstellung entschieden. Mit Beteiligungen und Zukäufen haben wir etliche Disziplinen ins Haus geholt. In der TGA-Planung haben wir beispielsweise ein eigenes Department in Tschechien dazu genommen. Wir beginnen wieder, HKLS mit einem kleinen Team selbst zu praktizieren. 

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BIM ist für uns der Kulturwandel zu einer echten Zusammenarbeit am Bau. 

Gegenwind aus der Gebäudetechnik

Die Gebäudetechnik ist ein Schlüsselgewerk für BIM. Warum ist gerade hier bei vielen Planungsbüros noch so viel Widerstand zu erleben? Es gibt da die bekannte, erst drei Jahre alte Umfrage des Fachverbands Ingenieurbüros, wonach ein Drittel der Planer*innen BIM komplett ablehnen.  

Kradischnig: Viele Planungsbüros wehren sich dagegen, weil sie noch nicht erkannt haben, dass BIM wesentlich mehr ist als eine Einstiegshürde mit viel Entwicklungsaufwand zu Beginn. Aber man wird am Bau in Zukunft nicht um intelligente digitale Modelle herumkommen, auch nicht als TGA-Planer. Wer da nicht mitspielen will, wird immer weniger Wahlmöglichkeiten bei den Projekten haben und von den Auftraggebern unter Druck gesetzt werden können. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Planungsbüros das erkennen und proaktiv reagieren, statt zu warten, bis sie von Auftraggebern nicht mehr angefragt werden. 

Sie haben davon gesprochen, dass Sie eigene Standards setzen, statt auf Lösungen von Standardisierungsgremien zu warten. Was meinen Sie damit? 

Kradischnig: BIM steht im allgemeinen Sprachgebrauch für ein intelligentes Datenmodell, die Attribuierung und Merkmale der einzelnen Elemente müssen kompatibel sein. Wir haben das für uns bereits international vereinheitlicht und entsprechend Bibliotheken aufgebaut. Für ein kleines Büro ist das natürlich schwierig, aber im Rahmen eines konkreten Projekts unterstützen wir unsere Partner gerne dabei, sich hier selbst fit zu machen. Grundsätzlich braucht jedes Gewerk seine eigenen Bibliotheken, die TGA ist da sicherlich herausfordernd: Eine Türe darzustellen ist etwas anderes als einen Volumenstromregler.  

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Wo ist es leichter ins Thema einzusteigen: Bei einem sogenannten Closed BIM Projekt, oder bei Open BIM? 

Kradischnig: Bei Closed BIM arbeiten alle auf einem Server in einem Modell. Das geht nur, wenn die Spielregeln vorher klar geklärt sind. Jeder der hier mitmacht, muss auf Basis der AIAs (Auftraggeber-Informationsanforderungen) und des BAP (BIM-Abwicklungsplan, in dem genau beschrieben wird wie die AIAs umgesetzt werden) seine Modellinhalte einpflegen. Hier wird man nur jemanden ins Modell hineinarbeiten lassen, der diese Anforderungen erfüllen kann. Bei Open BIM hat jeder sein Modell auf dem eigenen Server und bringt die Informationen über eine Schnittstelle (IFC als allgemeiner Standard) zum Austausch. Das ist zwar weniger heikel als Closed BIM, aber auch das funktioniert nur, wenn es zumindest projektbezogen gemeinsame Standards gibt. Einen gewissen Grad an Harmonisierung braucht es immer. 

Wer bei BIM nicht mitspielen will, wird immer weniger Wahlmöglichkeiten bei den Projekten haben.

Scheu bei den Auftraggebern

Sie sind in vielen Branchen aktiv, welche Auftraggeber sind da am weitesten? Und wie viel Wert legen Ihrer Erfahrung nach öffentliche Auftraggeber auf BIM? 

Kradischnig: Zu mir hat einmal ein Verantwortlicher für ein Krankenhaus-Projekt, den ich von BIM überzeugen wollte, gesagt, dass er gerade erst seine FM-Mannschaft so weit gebracht hat, dass sie mit einem CAFM-Tool arbeitet. Und da soll er jetzt schon wieder auf etwas Neues umsteigen? Leider scheuen viele Auftraggeber diesen Aufwand noch. Am weitesten ist die Automobilindustrie, die seit Jahrzehnten gewohnt sind, ihre Zulieferer in ein gemeinsames System via Simultanious Engineering einzubinden, und die BIM explizit verlangen. Aber auch die Pharmaindustrie und andere Sektoren, die viel Wert auf Nachhaltigkeit und die Dokumentation ihres ökologischen Fußabdrucks legen, setzen stark auf BIM. 

Sie haben bei Delta seit 15 Jahren eine IT-Tochter mit der Projektplattform Datenpool, die es seit einigen Jahren auch als App gibt. Was genau ist das? 

Kradischnig: Das ist eine common data environment (CDE), die wir seit einem Vierteljahrhundert aufgebaut und weiterentwickelt haben. Vor 14 Jahren haben wir es auf ein webbasierendes System umgestellt, später ist die Smartphone-App dazugekommen. Unser zentraler Punkt dabei: Die Dinge müssen einfach und selbsterklärend sein. Sie müssen baustellenfähig sein, sie müssen rechtssicher sein – die Dinge, die auf dieser Plattform passieren, müssen dokumentiert und protokolliert werden. Wir brauchen eine organische Arbeitsweise, die keine Extraschleife erforderlich macht.  

Können Sie mir dafür ein Beispiel geben? 

Kradischnig: Wenn Sie einen Plan erstellen und den an eine gewisse Gruppe schicken wollen, muss es mit Datenpool einfacher gehen, als wenn sie es in einem normalen Mail verschicken. Da steckt sehr viel Automatisierung im Hintergrund, denn nur wenn es Arbeitsersparnis bringt, dann werden die Leute es auch anwenden. Das ist so wie beim Smartphone: Für den Nokia Communicator hast Du eine Bedienungsanleitung gebraucht, das ist ein Nischenthema geblieben. Dann ist das iPhone gekommen mit der intuitiven Benutzung ohne Beschreibung und wurde ein Riesenerfolg. Das ist das Role-Model für common data environments. 

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Wenn wir in den Menschen die Freude am Teamwork, an der Kollaboration, die Sehnsucht nach integralem, streitlosem Zusammenwirken auf der Baustelle wecken, dann wird auch das digitale Werkzeug mitwachsen.

Fremdsprache BIM

Was Sie jetzt als Erfolgsmodell für Datenpool beschrieben haben, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, wie BIM funktioniert: Hoher Aufwand zu Beginn, sehr komplex, wenig intuitiv, großer Abstimmungs- und Lernbedarf – ist das nicht ein Widerspruch? 

Kradischnig: Ja, das ist schon richtig. BIM ist anders, das ist wie wenn ich eine neue Sprache lerne: Das ist am Anfang mühsam, aber wenn ich die neue Sprache beherrsche, bin ich mit einem Schlag wesentlich mächtiger, weil ich mich in zwei Ländern verständigen kann. Bei BIM sind das der Qualitätsgewinn, die Fehlerfreiheit, die einfachere Umsetzung auf der Baustelle und die Bewirtschaftung. Diese Vorteile sind es wert, sich intensiv damit auseinanderzusetzen.  

Was müsste passieren, um BIM auf breiterer Ebene zum Durchbruch zu verhelfen? 

Kradischnig: Sie kennen vielleicht das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry „Wenn du ein Schiff bauen willst, beginne nicht damit, Holz zusammenzusuchen, Bretter zu schneiden und die Arbeit zu verteilen, sondern erwecke in den Herzen der Menschen die Sehnsucht nach dem großen und schönen Meer.“ Wenn wir in den Menschen die Freude am Teamwork, an der Kollaboration, die Sehnsucht nach integralem, streitlosem Zusammenwirken auf der Baustelle wecken, dann wird auch das digitale Werkzeug mitwachsen. 

Mann und Frau arbeiten online am Handy und am Laptop

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