100 Projekte Raus aus Gas : Die Technik funktioniert …

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Die Stadt Wien hat 100 Projekte für die Dekarbonisierung des Gebäudesektors gesammelt.

- © Kristian Schark - stock.adobe.com

Bis 2040 sollen alle Gebäude in Wien klimaneutral, emissionsfrei und erneuerbar geheizt und – was zunehmend nötig wird – gekühlt werden. Allein in Wien gilt es, in den kommenden 15 Jahren rund 570.000 fossil versorgte Haushalte umzurüsten, die derzeit knapp 90 Prozent der CO₂-Emissionen im Wiener Gebäudesektor verursachen. Um dieses Langzeit-Mega-Vorhaben in die Gänge zu bringen, wurde vor zwei Jahren die Initiative „100 Projekte Raus aus Gas“ gestartet. Anhand bereits realisierter Projekte soll gezeigt werden, was alles möglich ist und welche Technologien und Organisationsformen umgesetzt werden konnte. 

Mit Ende 2025 wurde die Initiative abgeschlossen. Stefan Sattler, Referatsleiter für Erneuerbare Energie & Innovative Energielösungen in der Abteilung Energieplanung der Stadt Wien (MA 20), sieht das Ergebnis positiv: „Wir haben sogar über 100 Projekte in die finale Broschüre aufgenommen.“ Auch ein Online-Tool ist in Vorbereitung, das Interessierten auf Basis der jeweiligen Gebäudedaten Lösungswege in ähnlichen Gebäuden vorschlagen wird. 

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Was funktioniert: Fast alles

„Die Technik funktioniert“, bringt es Sattler auf den Punkt. Egal welche Lösung gewählt wurde: Planung, Umsetzung und Betrieb sind in der Regel gut machbar. Auch die Genehmigungsverfahren funktionieren laut Sattler gut, beispielsweise für die Nutzung des öffentlichen Raums für Erdwärme. Als herausfordernd hat sich die Kommunikation der Projekte herausgestellt. „Das ist noch kein Selbstläufer“, sagt der Energieexperte. Doch dort, wo alle Miteigentümer*innen, Bewohner*innen und andere Stakeholder rechtzeitig und gut eingebunden und informiert waren, kann die Umsetzung gelingen. 

Stefan Sattler, Referatsleiter für Erneuerbare Energie & Innovative Energielösungen in der Abteilung Energieplanung der Stadt Wien (MA 20)

- © MA20/Christian Fürthner

Wärmepumpe: Knackpunkt Aufstellungsort

„Eine Luft-Wärmepumpe kann man fast überall einsetzen“, so Sattler. In der Regel ist das die in der Investition, aber nicht im Betrieb günstigste Variante. Die Herausforderungen der Schalltechnik lassen sich lösen, größere Hürden sieht er beim Finden des richtigen Aufstellungsplatzes. So kann eine Luft-Wärmepumpe in der Dachaufstellung den verkaufbaren Raum bei einem Dachgeschossausbau reduzieren und ist daher bei Immobilienentwicklern nicht so beliebt – denn gerade in der Sanierung ist ein Dachgeschossausbau häufig die Kirsche auf der Torte. Die Kombination unterschiedlicher Wärmequellen, beispielsweise Erd- und Luftwärme, erweist sich häufig als sehr effizient, etwa indem Erdwärme für die Kühlung ausgelegt wird.

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Eine Luft-Wärmepumpe kann man fast überall einsetzen.

Anergienetze: Platz wäre da

Im Wiener Wärmeplan 2040 sind große Bereiche der Stadtfläche als geeignet für lokale Wärmenetze ausgewiesen. Allerdings ist man hier noch im Pilotprojektstadium, auch wenn es etliche umgesetzte Projekt gibt. Die Herausforderungen sind vor allem organisatorischer Natur. Sattler: „Alle Probleme, die man bei der Umstellung der Energieversorgung in einem einzigen Gebäude hat, können natürlich auch bei mehreren auftreten – plus wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen, wer auf welchem Grundstück in welche Anlagenkomponenten investiert“. Für die Vereinfachung des Geschäftsmodells fehlen auch noch rechtliche Rahmenbedingungen. Die Lösung selbst hat großes Zukunftspotenzial, wenn die Herausforderungen gelöst werden können.

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Biomasse: Im hohen Temperaturbereich

Für Sattler ist das vor allem in jenen Projekten eine Lösung, wo hohe Temperaturen benötigt werden, weil Gebäudehüllen nicht entsprechend saniert werden können. In der Praxis verursachen Biomasse-Heizungen höhere Betriebskosten, da der Brennstoff angeliefert und die Asche abtransportiert werden muss. Auch muss öfter jemand vor Ort sein, der sich mit dem Betrieb auskennt, beispielsweise wenn es zu einer Verstopfung bei der Pellets-Zulieferung kommt. Aus diesen Gründen sieht er im urbanen Raum für Biomasse eine untergeordnete Rolle, die in der Beratung auch selten nachgefragt wird.

Solarwärme: Konkurrenz mit Luftwärmetauschern

Diese hat ihre Stärken in der Warmwasserbereitung: „In der Raumheizung kann sie nicht so einfach eingeplant werden, da sie im Winter die geringste Leistung bringt“, so Sattler. Das zeigt sich auch in den umgesetzten Projekten, die meist PV einsetzen, um damit neben der Lieferung von Haushaltsstrom auch die Wärmepumpen zu versorgen. Wo Solarwärme in neueren urbanen Projekten immer wieder zum Einsatz kommt, das ist in Hybrid-Projekte zur sommerlichen Regeneration des Erdreichs. Doch auch hier sieht Sattler eine Technologie-Konkurrenz: „Dafür werden zunehmen auch Luftwärmetauscher aufgestellt, da diese günstiger und unkomplizierter im Betrieb sind.“ 

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Die Dekarbonisierung des Gebäudesektors muss sozial verträglich sein.

Grünes Gas: Preisniveau weit von Erdgas entfernt

„Wenn es Grünes Gas gäbe, das man einsetzen könnte, hätten wir sicher eines bei der Initiative ‚100 Projekte Raus aus Gas‘ dabei. Es gibt aber schlicht keines“, so die Bilanz des Energieexperten. Sollte es dennoch irgendwann genügend Angebot an Grünem Gas geben, sieht die Stadt Wien die Nutzung nicht in der Raumwärme, sondern als Ersatz für Erdgas in Hochtemperaturprozessen der Industrie oder Kraft-Wärme-Kopplung. Das hat auch finanzielle Gründe: „Die Dekarbonisierung des Gebäudesektors muss sozial verträglich sein. Und es ist mir derzeit keine einzige Studie bekannt, die prognostiziert, dass Grünes Gas auch nur annähernd das niedrige Preisniveau von Erdgas erreichen wird.“

Was fehlt: Rechtliche Rahmenbedingungen

Am wichtigsten wäre ein konkreter, rechtlich verbindlicher Ausstiegspfad. Dieser fehlt seit dem Scheitern des EWG, im Erneuerbaren-Wärme-Gesetz wäre 2023 ja ein solcher im Entwurf vorgesehen gewesen. Hier ist eine bundeseinheitliche gesetzliche Regelung nach wie vor die Priorität Nr. 1 bei der Dekarbonisierung. Wohnrechtliche Anpassungen, die eine einfache Mehrheit oder Duldungspflichten bei der Heizungsumstellung ermöglichen, sowie die Anpassungen des Gaswirtschaftsgesetzes sind weiter dringliche Notwendigkeiten. Denn beim Gas geht es ja nicht nur um die Raumwärme: Angesichts hunderttausender Gasherde in Wien und der Verpflichtung, das Netz so lange aufrechtzuerhalten, solange auch nur ein Mieter nicht auf Elektroherd umstellen will, gibt es hier mittelfristig echten Handlungsbedarf.

Fazit: Elektrifizierung als stärkster Hebel

Die erste Zwischenbilanz aus den „100 Projekten Raus aus Gas“: Ja, es geht! Den stärksten Hebel für die Dekarbonisierung sieht Stefan Sattler in der Elektrifizierung: „Die Wärmepumpe plus Photovoltaik trägt neben dem Ausstieg aus Gas auch dazu bei, die Energie- und Stromkosten für jeden einzelnen zu senken.“ 

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