Meinung : Wie wir die Wärmewende schneller schaffen

Roger Hackstock, Geschäftsführer von Austria Solar

Roger Hackstock, Geschäftsführer von Austria Solar

- © Wilke

Die Sonne liefert uns Energie ohne Ende, das zehntausendfache unseres Energiebedarfs auf der Welt. Trotzdem laufen in Österreich 1,3 Millionen Kessel mit Öl und Gas, um warmes Wasser zu erzeugen. Das verursacht 1,3 Millionen Tonnen Treibhausgase pro Jahr, so viel wie 640.000 Autos ausstoßen. Es braucht den Umstieg auf erneuerbare Energie, der noch viel zu langsam passiert.  

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Wir müssen die Sehnsucht bei den Menschen nach einer Wärmeversorgung ohne Öl und Gas wecken, um Tempo zu gewinnen.

Klimaneutrale Zukunft als Sehnsuchtsort

Die Wärmewende ist Teil einer klimaneutralen Zukunft, die von vielen Menschen als ein Ort des Verzichts und der Einschränkung gesehen wird. Dort will niemand hin, daher werden Veränderungen in diese Richtung aufgeschoben, verdrängt, verzögert, der Wandel geht nur langsam voran. Doch das ist ein verzerrtes Bild, eine klimaneutrale Zukunft bedeutet auch mehr Solaranlagen, Windräder, Radwege, klimaneutrale Fabriken, Biobauern und weniger Staus, ein besseres Leben in einer fossilfreien Welt. 

Die klimaneutrale Zukunft ist ein Sehnsuchtsort, zu dem es immer mehr Menschen hinzieht, so auch mich. Wenn ich mich nach etwas sehne, setze ich alle Hebel in Bewegung, um möglichst schnell dorthin zu gelangen. Das gilt auch für die Wärmewende, wir müssen die Sehnsucht bei den Menschen nach einer Wärmeversorgung ohne Öl und Gas wecken, um Tempo zu gewinnen.  

Mehr Humor und Gelassenheit

Seit dreißig Jahren versuchen wir mit Empörung und Verzweiflung das Ruder bei der Klimakrise herumzureißen. Das hat offensichtlich nicht funktioniert, die Emissionen steigen weltweit ungehindert weiter. Versuchen wir es daher künftig mit Humor und Gelassenheit, vielleicht kommen wir auf diesem Weg weiter. Gerade die Ernsthaftigkeit des Klimathemas macht es notwendig, sich darüber lustig zu machen, wo wir falsch abgebogen sind, statt uns der Herausforderung zu stellen. 

Zum Beispiel, wenn wir uns einreden lassen, beim Heizen nichts ändern zu müssen, weil Öl und Gas irgendwann vollständig klimaneutral verfügbar sein werden, in derselben Menge wie heute (Stichwort: E-Fuels). Das sind Märchenerzählungen, die so lange funktionieren, wie wir an sie glauben. Schieben wir sie jedoch lachend beiseite und fahren unbeirrt fort, alte fossile gegen moderne erneuerbare Heizungen und Solaranlagen zu tauschen, weil es die bessere und langfristig günstigere Lösung ist, kommt Schwung in die Wärmewende und wir kommen schneller voran.  

>> Heizungstausch-Hürden: Wohnrecht als Schlüssel für die Wärmewende

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⇨ Dieser Artikel stammt aus dem TGA-Planerjahrbuch 2026. Darin erwarten Sie folgende Highlights:

  • Zukunftstrends: Gemeinschaftliche Stromerzeugung, nachhaltiges Heizen im mehrgeschossigen Wohnbau, Human Centric Lighting, bauwerksintegrierte Photovoltaik und Gebäudebegrünung – das erwartet die Branche
  • Referenzen von der integral geplanten Produktionsstätte bis zur Geothermie hinter historischer Straßenfassade
  • Innovative Projekte: Fugenlose Bäder, Refurbishment im Projektgeschäft, Seewasserkraftwerk in Bregenz, „Open BIM“ im Spitalsbau und weitere Leuchtturmprojekte
  • Kreative Lösungen: Über eine Entrauchungsanlage mit Mehrfachfunktion, einheitszentrale Wohnraumlüftungen, smarte Mischkreislösungen und vieles mehr
  • Produktneuheiten
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Planerjahrbuch 2026
© WEKA Industrie Medien
In der Praxis zeigt sich, dass ein vollständig klimafreundliches Gebäude samt Förderungen nur fünf Prozent mehr kostet.

Klimaschutz zum Anfassen

Wie kann man sich eine klimaneutrale Zukunft beim Heizen vorstellen? Innovative Haustechnikbüros haben in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche Wohnbauten, Betriebe und öffentliche Gebäude mit Anlagen gänzlich ohne fossile Energie ausgestattet, die seither klimaneutral und komfortabel heizen und kühlen, ohne von fossilen Preissprüngen und CO₂-Steuern betroffen zu sein. 

Der Verband Austria Solar hat eine Galerie mit fast achtzig solcher Gebäude auf der Homepage, die einen lebendigen Eindruck davon geben, wie Klimaschutz zum Anfassen aussieht. In der Praxis zeigt sich, dass ein vollständig klimafreundliches Gebäude samt Förderungen nur fünf Prozent mehr kostet als eines mit weniger Dämmung und fossiler Heizung, bei einem Bruchteil der laufenden Kosten über Jahrzehnte. 

>> Austria Solar-Präsident Ronald Gattringer: „Die Zeit, um nur nett zu sein, ist vorbei!"

Eine Solaranlage am Dach der Naturkosmetikfirma "Aromapflege" liefert drei Viertel der Heizenergie.

- © Müller

Ein Beispiel ist die Naturkosmetikfirma „Aromapflege“ in Lechaschau an der bayrischen Grenze. Eine Solaranlage am Dach liefert drei Viertel der Heizenergie und deckt den gesamten Strombedarf, die zwei Ladesäulen vorm Eingang werden gern von Kunden genutzt, um ihre Elektroautos während ihres Termines aufzuladen. Die Firma hat schon vor zehn Jahren auf Klimaschutz gesetzt. Seither zeigt Firmenchefin Evelyn Deutsch-Grasl kaum mehr Interesse an den Energiepreisen, die sie nicht mehr betreffen, wie sie sagt. 

Auch der Neubau der Hypo Tirol Bank in Fulpmes in Tirol, ein Bankgebäude mit elf Mietwohnungen, wurde im Jahr 2023 klimaneutral und in Passivhaus-Bauweise errichtet. Statt einer Ölheizung, die in Tirol sehr verbreitet ist, wurde eine Solaranlage samt Wärmepumpe und Erdkollektoren installiert, die das Haus heizen und kühlen. Eine Besonderheit sind PVT-Hybridkollektoren, die neben Wärme auch genügend Strom liefern, um die Bankfiliale und ein Elektroauto zu versorgen. Bei der Errichtung wurde auf regionale Wertschöpfung geachtet, rund 85 Prozent der beteiligten Unternehmen kamen aus Tirol. Mit der klimaneutralen Lösung wurde somit auch der Wohlstand im Land vermehrt. 

Der Neubau der Hypo Tirol Bank in Fulpmes in Tirol wurde klimaneutral und in Passivhaus-Bauweise errichtet. 

- © Hypo Immobilien Betriebs GmbH

Wandel findet statt, wenn wir Lust drauf haben

Seit Jahren werden solche Referenzen in Vorträgen und Interviews präsentiert, ohne eine Sehnsuchtswelle bei den Menschen nach einer klimaneutralen Zukunft auszulösen. Der Grund ist, dass die positiven Beispiele zwar im Kopf hängen bleiben, aber nicht zum Herzen vordringen, wo die Sehnsucht zu Hause ist. 

Der Sozialforscher Christoph Hofinger zitiert dafür oft eine Stelle aus der Bibel, wo Gott dem Volk Israels verspricht, es aus der Unterdrückung in Ägypten herauszuführen, in ein Land, „wo Milch und Honig fließen“. Gott hat nichts von üppigen Allokationsgewinnen, großen Ziegenherden und kurzen Arbeitstagen erzählt, die ihnen das gelobte Land bescheren würde. Damit hätte er vermutlich keinen einzigen Israeliten vor die Tür gelockt. Stattdessen hat er ein blumiges Bild gezeichnet, das Sehnsucht in den Herzen der Menschen weckte, heute würde man Storytelling dazu sagen, wie Hofinger meint. 

>> Strategien für eine klimaneutrale Wärmeversorgung in Österreich

Bei einer klimaneutralen Zukunft argumentieren wir viel zu oft mit technischen Details, mit Arbeitsplätzen, Wertschöpfung und Treibhausgasen, statt emotionale Bilder zu zeichnen, welche die Sehnsucht nach dieser Zukunft wecken. Solaranlagen und erneuerbare Heizungen sind nicht nur Technologien, sie können auch Spaß machen und ein Lebensgefühl vermitteln, wie jeder weiß, der schon mal Kollegen in der Arbeit beobachtet hat, die sich in der Mittagspause begeistert die Visualisierungen ihrer neuen PV-Anlagen am Smartphone zeigen. 

Wandel findet statt, wenn wir Lust drauf haben, wie der Medienprofi Christian Clerici sagt. Das gilt auch für die Wärmewende, die uns eine Zukunft bescheren wird, in der wir die fossile Welt mit all ihren großen Sorgen und Nöten hinter uns lassen, um uns mehr um jene Dinge im Leben zu kümmern, die Spaß und Lebensfreude bringen. Machen wir innovative Haustechnik sinnlich erlebbar, erzählen wir Geschichten, wohin sie uns führt, wenn wir sie massenhaft einsetzen. Dann kann eine klimaneutrale Welt wahr werden, packen wir’s an!   

Buchtipp

Wie wir die Welt retten, ohne uns dauernd Sorgen zu machen

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das gilt auch für die Klimakrise. Empörung und Verzweiflung über die seit Jahrzehnten steigenden Treibhausgas-Emissionen und ihre Folgen für Mensch und Umwelt haben nichts gebracht. Im Gegenteil: Die Angst vor dem drohenden Klimakollaps lähmt und verhindert Veränderung.

Roger Hackstock dreht in seinem neuen Buch den Spieß um: Er setzt auf Ironie, Humor und Zuversicht. Denn Lachen befreit und öffnet den Blick für neue Strategien. So wird das Bild einer klimaneutralen Zukunft, eines genussvollen Lebens ohne sinnlose Verschwendung von Ressourcen, lebendig. Im Buch schafft er Zukunftsbilder, die wir uns schon heute wünschen. Und nimmt mit auf eine Reise zu erfolgreichen klimaschonenden Projekten an den unterschiedlichsten Orten der Welt. 

>>> Zum Buch

hackstock wie wir die welt retten cover
ISBN: 978-3-218-01458-8 - © Kremayr & Scheriau

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