125 Jahre Bosch in Österreich : Bosch-Vorstand Weinwurm: „Der größte Wachstumshebel ist die Wärmepumpe"

Helmut Weinwurm

Helmut Weinwurm, Vorstandsvorsitzender der Robert Bosch AG und Repräsentant der Bosch-Gruppe in Österreich, blickt auf 125 Jahre Unternehmengeschichte zurück.

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*Hinweis für Leser*innen: Dieses Interview stammt aus unserer Printausgabe, die Ende März 2024 erschienen ist – Prognosen, Einschätzung u.ä. beziehen sich auf die Marktlage zu diesem Zeitpunkt.

TGA: Bosch gibt es seit 1886, seit 1899 sind die ersten Produkte auch in Österreich erhältlich gewesen. Das waren damals die ersten Magnetzünder, die Robert Bosch für den jungen Automobilsektor erfunden hat, oder?

Helmut Weinwurm:
1899 hat Dénes & Friedmann den Vertrieb für Bosch in Österreich übernommen, seit 125 Jahren ist die Marke damit in Österreich präsent. 1918 hat Bosch dann eine eigene Niederlassung in Wien gegründet. Weitere Meilensteine waren etwa die Inbetriebnahme der ersten Fertigung in Hallein 1969, die Gründung der Tochterfirma Robert Bosch AG 1982, die Übernahme der Voest Alpine Automotive 1990 und die Eingliederung von Buderus 2003. Heute ist Bosch mit allen vier Unternehmensbereichen in Österreich präsent, beschäftigt über 3.100 Menschen und erzielte im Geschäftsjahr 2022 einen Umsatz von 1,4 Mrd. Euro

Die Gebäudetechnik ist neben dem Mobilitätssektor, den Haushaltsgeräten und der Industrietechnik nur eines von vier Geschäftsfeldern, und global wohl das kleinste. Wie ist das in Österreich?


Weinwurm:
International ist „Energy & Building Technology“ mit einem Umsatz im Geschäftsjahr 2023 nach vorläufigen Zahlen von 7,6 Mrd. Euro etwa gleichauf mit „Industrial Technology“, also mit Bosch Rexroth, mit 7,5 Mrd. Euro. Zum Vergleich: Die „Consumer Goods“ liegen bei rund 20 Mrd., der Mobility-Sektor bei rund 56 Mrd. In Österreich ist die Vertriebsschiene „Home Comfort“, in die unsere Heizungstechnik und der Werkskundendienst versammelt sind, aber tatsächlich der umsatzstärkste Bereich.

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EWP liefert Anschub für Wärmepumpe

Der Markt für Heizungs- und Gebäudetechnik ist heftig im Umbruch. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Weinwurm:
2023 war sehr gut, wir haben im Vergleich zu 2022 einen zweistelligen Umsatzzuwachs verzeichnet und deutlich Marktanteile dazugewonnen. Natürlich ist die Marktnachfrage im vierten Quartal zurückgegangen, speziell für die Wärmepumpe. Das lag aber an den für Jänner 2024 angekündigten Förderungen und dem nachvollziehbaren Abwarten der Endkunden. Die EWP (Erneuerbare-Wärme-Paket)-Förderung wird dem Markt viel Schwung geben, es sind viele Anfragen und Angebot draußen. Ich bin überzeugt, dass die Bestellungen folgen werden.

Der Heizungsmarkt ist 2023 insgesamt geschrumpft. Wie haben Sie gegen den Markttrend dazugewinnen können, und wo?


Weinwurm:
Indem wir überall stärker geworden sind. Bei Gasgeräten haben wir historisch eine sehr starke Stellung, da haben wir von der Konsolidierung dieses Marktsegments profitiert. Es gibt nur mehr wenige Hersteller von Gasgeräten, wir bieten neben qualitativen Produkten auch einen verlässlichen Kundendienst. Das Umsatzwachstum kommt aber ganz klar aus der Wärmepumpe.

>>> Heizungsbranche: 2023 brachte turbulente Marktentwicklung

Die Wärmepumpe verzeichnet nach Jahren des Rekordwachstums derzeit eine Seitwärtsbewegung auf hohem Niveau. Bleibt es dabei, oder sehen Sie da noch zusätzliche Potenziale?

Weinwurm:
Es wird nicht so rasch hinauf gehen wie die letzten Jahre, aber ich sehe noch Luft nach oben. In der Schweiz, einem mit Österreich sehr vergleichbaren Land, hat die Wärmepumpe einen Marktanteil von 80 Prozent. Das zeigt, was für diese Technologie noch möglich ist.

Wie schnell kann das gehen?

Weinwurm:
Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass das EWP der Wärmepumpe nochmal einen deutlichen Schub geben wird.

Weinwurm Helmut
„Bei den Wärmepumpen wird es eine Marktbereinigung geben", meint Helmut Weinwurm, Robert Bosch AG. - © foto-hoefinger.at
Es wird eine Marktbereinigung geben, aber das wird vom europäischen Markt angetrieben werden.

Hersteller: Marktbereinigung steht an

In Österreich teilen sich derzeit rund 60 Lieferanten von Wärmepumpen die 50.000 Stück, die abgesetzt werden: Wird es da eine Marktbereinigung geben, oder bleibt es bei diesem breiten Anbieterspektrum? Anders gefragt: Sind 60 Anbieter für ein kleines Land wie Österreich zu viele?

Weinwurm:
Es wird eine Marktbereinigung geben, aber das wird vom europäischen Markt angetrieben werden. Der läuft für die Wärmepumpenhersteller nicht so gut, wie noch vor zwei Jahren angenommen. Hier wurde sehr viel in Überkapazitäten investiert. Die Frage wird sein, wer am längsten durchhält. Und da sind wir als Bosch sehr gut aufgestellt. Technisch sind wir Innovationsführer, die neue 12 kW Propan-Maschine beispielsweise ist eine der besten am Markt, noch dazu ein Produkt aus europäischer Produktion.

Robert Bosch war ja Elektrotechniker, die Anwendungsmöglichkeiten des damals noch jungen elektrischen Stroms hat ihn am meisten beschäftigt. Heute geht es in Richtung einer „all electric society“: Schließt sich mit der Wärmepumpe für Bosch der Kreis? Ist die Zukunft der Gebäudetechnik elektrisch?


Weinwurm:
Eine „all electric society” sehe ich nicht, aber Strom als Energieträger wird sicher an Bedeutung gewinnen. Die Wärmepumpe ist die richtige Technologie für viele Anwendungsfelder, sie ist leistbar und sinnvoll. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass die Biomasse wieder stärker werden wird, das ist manchmal einfach die bessere Lösung. Außerdem gibt es in Österreich einige innovative Unternehmen, die ich auf diesem Sektor für die besten der Welt halte. Auch Gas wird nicht so schnell verschwinden, wie es noch vor zwei Jahren ausgesehen hat. Da hilft auch der Bedeutungsgewinn von erneuerbarem Gas, und in Deutschland gibt es mit dem GEG (Gebäudeenergiegesetz) einen Schub für Hybridlösungen mit Gas. Für die Übergangszeit, bis eine hundertprozentige Versorgung mit erneuerbaren Energien möglich ist, machen effiziente Gasheizungen wirklich viel Sinn.

Eine „all electric society” sehe ich nicht, aber Strom als Energieträger wird sicher an Bedeutung gewinnen.

Mit den Propan-Wärmepumpen der Serie Compress bereitet Bosch den Markt von morgen vor.

- © Bosch

Technologieoffenheit für die Wärmewende

Das deutsche GEG fördert die Ergänzung einer Gasheizung mit Wärmepumpen, sofern das Gesamtsystem mindestens 65 Prozent Erneuerbare nutzt. Wünschen Sie sich so eine Regelung auch für Österreich?

Weinwurm:
Die GEG-Lösung ist deshalb gut, weil sie der Erkenntnis Rechnung trägt, dass eine Technologie alleine nicht die Lösung für alle Anwendungsfälle sein kann. In diesem Sinne: Ja natürlich wünsche ich mir das!

Sie sind ja auch Präsident der VÖK, der Vereinigung österreichischer Kessel- und Heizungsindustrie. Da gibt es innerhalb des Verbands doch sehr unterschiedliche Ansichten über Biomasse oder Grünes Gas, über Wärmepumpen … was ist für Sie „unstrittig“?


Weinwurm:
Also ganz im Gegenteil, ich denke, wir sind uns sehr einig! Wir sind eine Interessensvertretung für alle Heizungs-Technologien. Dass die Wärmepumpe wichtiger wird, ist allen klar. Das sehen Sie schon alleine daran, dass die Biomasse-Spezialisten nach und nach Wärmepumpen ins Programm aufnehmen. Die Biomasse ist und bleibt wichtig, die ist in Österreich gesetzt. Und hinter dem Forcieren von Hybrid-Heizungen stehen auch alle VÖK-Mitglieder!

Über die Fernwärme gibt es aber schon unterschiedliche Ansichten, oder?


Weinwurm:
Wenn die Fernwärme mit erneuerbaren Energien betrieben wird, ist sie gut! Sie wird aber momentan noch stark mit Gas befeuert, in den Städten bis zu 70 Prozent. Das ist nicht erneuerbar, und die Förderung der Fernwärme als grüne Technologie ist daher für uns als VÖK nicht nachvollziehbar, da sind wir uns einig. Wenn wir „Raus aus Gas“ wollen, dann muss das auch für die Fernwärme gelten.

Bosch bringt nach wie vor Gas-Neuerungen heraus. Warum? Jetzt war zwar 2023 ein sehr gutes Gasjahr, aber braucht dieser Sektor noch Innovationen?

Weinwurm:
Gas wird nicht in den nächsten 10 Jahren verschwinden, diesen Energieträger wird es noch länger geben. Deshalb entwickeln wir da natürlich weiter. Es geht darum, die Geräte noch effizienter und servicefreundlicher zu machen, auch die Einbindung in IoT-Lösungen, in die vernetzte Heizungszukunft ist nötig. Selbstverständlich liegt die Zukunft in den Erneuerbaren, aber auch hier geht es darum, Gasgeräte für den Betrieb mit Wasserstoff bereitzumachen. Wir werden für die Wärmewende jede Technologie brauchen.

Wir haben uns das Ziel gesetzt, dass weltweit bis 2025 jedes Bosch-Produkt entweder KI-fähig sein oder mithilfe künstlicher Intelligenz gefertigt werden soll.

Künstliche Intelligenz bei Bosch

Wenn wir schon bei Innovationen sind: Bosch setzt als Konzern stark auf Künstliche Intelligenz. Was ist da Ihre Erwartungshaltung?

Weinwurm:
Wir setzen KI vor allem in Entwicklung und Produktion ein, um schneller, effizienter und kostengünstiger zu werden. Wir haben uns das Ziel gesetzt, dass weltweit bis 2025 jedes Bosch-Produkt entweder KI-fähig sein oder mithilfe künstlicher Intelligenz gefertigt werden soll.

Wo wird KI in der Gebäudetechnik aufschlagen?


Weinwurm:
KI kann vom Verhalten der Bewohner lernen und beginnen, die Gebäude danach auszurichten. In der Steiermark sind wir Teil eines Projekts, in dem das Zusammenspiel von Systemen ausgetestet wird, Haushaltsgeräte ebenso wie Heiz- und Kühlgeräte plus Energieerzeugung, also Photovoltaik. Wir sehen, dass KI eine große Hilfe bei der Effizienzsteigerung im Gesamtsystem ist und den Autarkiegrad des Gebäudes deutlich steigern kann.

>>> Embedded-KI für die Wärmepumpe

Ein Ausblick zum Abschluss: 125 Jahre in die Zukunft blicken zu wollen wäre vermessen, aber geben wir uns 5 Jahre – wo sehen Sie Bosch 2029 in Österreich?

Weinwurm:
Wir werden Bosch in Österreich ausgebaut und gestärkt haben und sowohl Umsatz als auch die Zahl der Mitarbeitenden gesteigert haben. Der größte Wachstumshebel im Bereich Home Comfort, vormals Thermotechnik, ist die Wärmepumpe. Wir sind heute bei Gas Marktführer, das wollen wir auch bei der Wärmepumpe werden. Österreich hat insgesamt ein sehr gutes Standing innerhalb der Bosch-Gruppe, mit dem Know-how unserer Mitarbeitenden als entscheidenden Erfolgsfaktor. Daher bin ich überzeugt, dass uns das auch gelingen wird.