zt: kammer : „Ich bin gegen einen Hüllenfetischismus“

Bernhard Sommer, Präsident der zt: Kammer

Bernhard Sommer, Vizepräsident der zt: Kammer Ost

- © zt: Kammer

Am Institut für Architektur der Universität für angewandte Kunst in Wien unterrichtet Bernhard Sommer „Energie Design“. Dabei bringt der frisch gewählte Vizepräsident* der zt: kammer für Wien, NÖ und Burgenland den internationalen Studierenden die Prinzipien des energieeffizienten Bauens bei, und zwar beginnend beim Standort des zukünftigen Gebäudes. 

Denn ob das in den Tropen steht und die Kühlung im Mittelpunkt ist, oder in kalten Regionen mit Heizwärmebedarf, das ist dafür ebenso relevant wie die angepeilte Nutzung. Erst danach kommt für den Architekten Sommer die Gebäudehülle und zuletzt die Frage, wie im Innenraumklima die Amplituden des Klimas ausbalanciert. Daher müssen Studierende der Architektur auch technische Anlagen zu einem gewissen Grad verstehen, meint er – und das ist der Ausgangspunkt für ein Gespräch, das die Leistbarkeit des Wohnraums und die Frage der richtigen Planung in den Mittelpunkt stellt. 

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Über den Interviewpartner

Bernhard Sommer war von 2022 bis Juni 2026 Präsident der zt: kammer Wien, NÖ und Burgenland, wurde erst am 23. Juni zum Vizepräsidenten gewählt und war auch ehrenamtlicher Geschäftsführer der zt: akademie. Der Architekt ist Gründer und Leiter von EXIKON architektur & nachhaltigkeit. Er forscht und lehrt an der Abteilung Energie Design an der Universität für angewandte Kunst in Wien und hatte eine Gastprofessur für Architekturentwurf an der Estonian Academy of Arts 

Es kann oft sinnvoller sein, das Heizsystem zu tauschen als zu dämmen.

Leistbarkeit und Gebäudetechnik

TGA: Ein wichtiges Thema der zt: kammer ist derzeit die „Leistbarkeit“ von Wohnraum. Gerade die Gebäudetechnik hat einen hohen Anteil an den Errichtungskosten, und sie ist entscheidend für die Betriebskosten: Würden Sie diese These unterstützen, dass die TGA entscheidend für die Leistbarkeit des Wohnens ist?

Sommer: Dass ein Heizsystem im Gebäude in Österreich genauso unverzichtbar ist wie Klimatechnik in den Tropen, das löst bei unseren Studierenden oft ein Aha-Erlebnis aus. Hier kann aber dank der Passivhaus-Technik ein reduziertes Heizsystem zur Anwendung kommen, und die Energiequellen können eben auch nicht-fossil sein. Der entscheidende Punkt im Betrieb ist daher oft, ob es eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung gibt oder nicht. Und laut der EU-Gebäudeeffizienz-Richtlinie muss der Gebäudebestand bis 2050 CO₂-neutral betrieben werden können, das kann auf verschiedene Arten erreicht werden. Wir als zt: kammer stehen jedenfalls zu diesem Ziel der CO₂-Freiheit!

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Selbst wenn wir nur den Neubau betrachten, sieht es da aber nicht so gut aus: Laut Gebäudereport der Energieagentur weisen die Neubauten in Österreich derzeit einen durchschnittlichen Heizwärmebedarf von 29 kWh auf, das ist lediglich Energieausweisklasse B, das sogenannte „Energiesparhaus“.

Sommer: Es ist zwar selten so, dass sich ein gut gedämmtes Haus nicht auszahlt: Was ich bei der Errichtung an Heizwärmebedarf spare, rentiert sich über den Lebenszeitraum des Gebäudes. Aber ich bin gegen einen Hüllenfetischismus! Es kann sinnvoll sein, von hohen Dämmstandards abzugehen, beispielsweise wenn man günstige erneuerbare Energie am Grundstück vorfindet, die mit einem Anergienetz genutzt werden kann. Gebäudehülle und Gebäudetechnik sind kommunizierende Gefäße, man kann das CO2-Theman nicht alleine über die Hülle lösen. Beim Heizwärmebedarf gibt es die Position der zt: kammer, dass wir an die Planung glauben und nicht nur an die maximale Abdichtung der Gebäudehülle, wie in Österreich die europäische Gebäuderichtlinie leider häufig interpretiert wird. Es kann oft sinnvoller sein, das Heizsystem zu tauschen als zu dämmen.

Jetzt sind Sie selbst Architekt, aber die zt: kammer spricht sowohl für diesen Beruf als auch für die Ingenieurkonsulent*innen. Sehen Sie da Unterschiede in den Berufsgruppen?

Sommer: Ingenieurkonsulent*innen gehen in ihrem Themenbereich in die Tiefe, Architekt*innen haben in der Breite den Überblick zu behalten. Wir müssen lernen, die Systeme im Gleichgewicht zu halten, und dafür ist intelligente Planung die Voraussetzung.

Wenn wir als Ingenieurkonsulent*innen in einem Bereich nicht gut genug sind, dann können die Leute eben zu den Ingenieurbüros gehen, und umgekehrt. Dieser Wettbewerb ist so etwas wie eine Qualitätskontrolle.

Wettbewerb in der Planung

Nun gibt es aber in der zt: kammer zwar zahlreiche Fachgruppen, aber keine eigene für Gebäudetechnik. Warum?

Sommer: Die Fachgruppen teilen sich nach den Aufgabengebieten der Mitglieder. Die Gebäudetechnik ist mit Maschinenbau oder Elektrotechnik und anderen technischen Gewerken bei der Fachgruppe „Industrielle Technik“ dabei. 

Für die Planung von Gebäuden und der Gebäudetechnik gibt es zwei planerische Berufe: Die Ziviltechniker*innen und die Ingenieurbüros. Wodurch unterscheiden sich die beiden, und welche Gemeinsamkeiten sehen Sie?

Sommer: Es ist sogar noch komplexer: Baumeister zum Beispiel dürfen in der Planung alles, die haben sogar die umfassendste Berechtigung. Dann gibt es in der Architektur auch noch die technischen Büros für Innenarchitektur, die auch gewissen Planungsaufgaben übernehmen können … aber ja, am häufigsten sind die Parallelen zwischen technischen Büros und den Ingenieurkonsulent*innen, da gibt es oft eine Spiegelung. Der auffälligste Unterschied ist, dass Mitglieder der zt: kammer ein abgeschlossenes Studium aufweisen müssen, das ist bei Ingenieurbüros und Baumeistern nicht so. Der zweite große Unterschied ist, dass wir uns nicht selbst prüfen, sondern als freie Berufsgruppe vom Ministerium geprüft werden. Das ist sozusagen eine externe Qualitätskontrolle. Damit hängt auch eine Verpflichtung zusammen, die sich im Urkundenwesen widerspiegelt: Wir dürfen Urkunden ausstellen, die bei den Behörden den eigenen Wahrnehmungen der Behörden gleichzustellen sind. 

Das Siegel der zt: kammer ist wohl das sichtbarste Zeichen des Unterschieds nach außen. Aber wo sehen Sie Gemeinsamkeiten?

Sommer: Über Unterschiede zu sprechen ist naturgemäß einfacher, aber selbstverständlich überlappen sich gerade in der Planung die Befugnisse der beiden Berufsgruppen. Ich finde es grundsätzlich gut, dass es eine Alternative in beide Richtungen gibt: Wenn wir als Ingenieurkonsulent*innen in einem Bereich nicht gut genug sind, dann können die Leute eben zu den Ingenieurbüros gehen, und umgekehrt. Dieser Wettbewerb ist so etwas wie eine Qualitätskontrolle.

Sommer bei der Aufzeichnung des Kammer-Podcasts „JETzt:“

- © zt: kammer Ost
Tatsächlich sind wir der einzige technische Beruf, dem eine Standesvertretung als freier Beruf außerhalb der Gewerbeordnung zugestanden wird.

Ingenieurkultur in der Standesvertretung

Das „Festival der Baukultur und Ingenieurtechnik“ am 28. Mai hatte das Thema „Infrastruktur“ als verbindendes Element zwischen Architektur und Ingenieurwesen: Wie ist das zu verstehen?

Sommer: Das ist für mich ein Riesenfortschritt. In die bisherigen Architekturtage war die planerische Seite nicht wirklich eingebunden. Mit dieser Neuaufstellung ist es gelungen, beide Seiten abzuholen. Wir rücken die kulturelle Leistung in den Vordergrund, die mit Ingenieurbauwerken einhergehen, die ja auch die Landschaft prägen. Denken Sie nur an die Semmeringbahn. Aber auch Ingenieurbauten, die man nicht sehen kann, prägen die Landschaft, wie etwa Tunnel. Bei Ingenieurbauten haben immer Ingenieurkonsulent*innen den Lead, aber es braucht übergreifende Teams, das bilden wir mit diesem Festival ab. Das wird in Zukunft noch wichtiger werden, denken Sie etwa an Windparks, die einen massiven Eingriff in den Kulturraum darstellen. Da wird die Raumplanung, die Landschaftsarchitektur immer wichtiger. Die damit einhergehende Leistung lässt sich nicht nur an der Kennzahl der gewonnenen elektrischen Leistung messen, da geht es auch um gesellschaftliche und kulturelle Fragen.

Ein anderer offenkundiger Unterschied ist die Standesvertretung: Während die Ingenieurbüros innerhalb der WKO organisiert sind, sind die ZT in einer eigenen Kammer, selbst mit anderen Wahlterminen: Welchen Vorteil hat das für Sie?

Sommer: Tatsächlich sind wir der einzige technische Beruf, dem eine Standesvertretung als freier Beruf außerhalb der Gewerbeordnung zugestanden wird, wie etwa auch der Ärztekammer oder der Notariatskammer. Das ist ein Privileg, dass wir uns selbst verwalten dürfen, aber damit verknüpft sich auch eine besondere Verpflichtung gegenüber der Republik Österreich.

Es gibt wohl kein Büro mehr, das nicht irgendwo KI und irgendein LLM verwendet, aber sehr weit führt das noch nicht.

Die Schwachstellen von BIM

Ein verbindendes Element am Bau ist BIM: Welchen Stellenwert geben sie dem? Und sehen Sie es auch so wie viele, dass in der Digitalisierung KI BIM sozusagen „verdrängt“?

Sommer: BIM wird in vielen Ausschreibungen heute verpflichtend vorgeschrieben. Closed BIM funktioniert mittlerweile ganz gut, open BIM nur bedingt. Das liegt auch an den fehlenden Schnittstellen. Ich denke, dass die Software-Anbieter diese offenen Schnittstellen nicht so intensiv fördern wie es nötig wäre. Im internationalen Geschäft, wo große Konzerne dominieren, sieht es mit der BIM-Durchdringung freilich anders aus. Aber in Österreich mit der kleinteiligen Struktur und der Tradition, dass viele unabhängige und oft kleine Planungsbüros sich in einem Projekt zusammenfinden, wirken sich diese Schwachstellen bei den Schnittstellen stark aus. Und natürlich ist BIM auch mit einem hohen Anfangsaufwand verbunden, den nicht jedes Büro leisten kann.

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KI ist da wesentlich niederschwelliger und einfacher anzuwenden. Werden KI-Anwendungen das doch etwas schwerfällige BIM-Modell ergänzen oder gar eine Alternative darstellen?

Sommer: Ich sehe viel Potenzial in KI, aber diese Entwicklung sehe ich nicht. Aber ich sage heute „Nein“, und vielleicht ist es morgen anders: Da fehlt mir ehrlich gesagt der detaillierte Einblick. Es gibt wohl kein Büro mehr, das nicht irgendwo KI und irgendein LLM verwendet, aber sehr weit führt das noch nicht. Ich bin sicher, dass man hier noch viel mehr machen kann. Allerdings braucht es dafür Detailwissen, daher werden wir als Berufsgruppe das wohl selbst entwickeln müssen. Das ist eine große Chance für uns!

Wer dafür sorgt, dass ein Gebäude geringe Energiekosten verursacht, soll mehr Miete verlangen dürfen.

Normative Vorgaben für CO2-Neutralität fehlen

Kehren wir am Ende noch zur Leistbarkeit des Wohnraums und dem „Energie Design“ zurück: Bis 2050 soll der Gebäudebestand CO₂-neutral sein, der entscheidende Faktor dafür ist die Sanierung. Wie lässt sich das schaffen?

Sommer: Mit der niedrigen Sanierungsrate, die wir derzeit haben, werden wir dort nie hinkommen. Wir haben dafür aber auch nicht das nötige gesetzliche Korsett. Die großen Stellschrauben sind bei der Finanzierung zu drehen, es wird nicht genug saniert werden, wenn es sich nicht lohnt. Das wird sich nicht nur über Förderungen lösen lassen, sondern es braucht auch normative Vorgaben. Ein Beispiel, wo wir als zt: kammer auch eine Stellungnahme abgegeben haben, sind die Richtwertmieten: Es müsste aus unserer Sicht so sein, dass nicht das Baujahr des Gebäudes entscheidend ist für die Richtwertmiete, die verlangt werden kann, sondern der Energieverbrauch. Vereinfacht gesagt heißt das, wer dafür sorgt, dass ein Gebäude geringe Energiekosten verursacht, soll mehr Miete verlangen dürfen, und umgekehrt. Anders ist es beim Einfamilienhaus, da wird es wohl eher über Förderungen zu lösen sein als über eine Änderung der Rahmenbedingungen. Aber wenn die Energiekosten weiter steigen, gibt es auch hier große Motivation, etwas zu tun – wobei freilich erneuerbarer Strom oder erneuerbares Gas auch nicht billig sein werden.

Das Beispiel mit der Richtwertmiete trägt der Tatsache Rechnung, dass jedes Haus in Österreich eine Heizung und eine Warmwasserbereitung benötigt und hier beim Energieverbrauch die größten Stellschrauben zu drehen sind. Ist das auch der größte Hebel beim Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energiequellen?

Sommer: Nein, denn die Wärme halte ich für technisch gelöst. Die CO₂-Neutralität lässt sich da aus meiner Sicht überall erreichen. Das beginnt schon bei der architektonischen Planung, wo die passive Sonnenenergie eigentlich die meiste Wärme liefern muss und die wir mittels Erdsonden auch für den Winter verfügbar machen können. Entscheidend ist vielmehr die Stromerzeugung, da sind wir noch weit davon entfernt, überhaupt wenn elektrische Anwendungen wie die Wärmepumpe immer stärker genutzt werden. Hier müssen wir die Lösungen erst schaffen. 

 

* Anmerkung der Redaktion: Das Interview erschien in der Printausgabe TGA 3/26 und wurde geführt, als Bernhard Sommer Präsident der zt: Kammer Ost war.

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